Über Sachsen

Ein Abend unter Gleichgesinnten, zwischen Zwiespalt und Zusammenhalt.

»Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen.« Der Titel, bereits ein Kontrast in sich, löst konträre Gefühle aus, Schaudern und den Willen nach Distanz beim Gedanken an all die Ereignisse, die den Sachsen in der jüngsten Vergangenheit zu trauriger Berühmtheit verholfen haben. Freital, Heidenau, Dresden, Hoyerswerda, Leipzig, Bautzen. Orte, die mittlerweile konnotiert sind mit Hass und Angst, aber auch Scham. Und weil das so ist, regt sich noch etwas anderes: Hoffnung und Neugier, Tatendrang und der Wunsch nach Anstößen in die richtige Richtung, guten Ideen, Optimismus. Auf der Suche nach einem Ausweg aus der gängigen Annahme, der Sachse sei nun einmal fremdenfeindlich.

Dementsprechend ausgelastet sind die Plätze im Seminarraum des Zeitgeschichtlichen Forums in Leipzig, selbst auf dem Boden haben Interessierte Platz genommen. Beschwingt eröffnet der Direktor des Hauses, Jürgen Reiche, den Austausch über Sachsen, die Sachsen und ihre Eigenheiten oder vielleicht auch gerade nicht. »Der Film hat einen Riss bekommen«, damit übergibt er das Wort an Christoph Links, Moderator der Runde und Verleger des Sachbuches, dessen Titel auch das Motto des heutigen Abends ist. Ab jetzt hoffen die circa 100 Zuhörer und Journalisten vor allem auf eines: Die Antwort auf die Frage, wie man den Riss wieder kleben könnte, Sachsen wieder bunt macht, für alle. Denn dieser Abend soll kein Sachsen-Bashing werden.

Das Podium bildet eine Einheit, wirkt entschlossen in derselben Sache. Dort sitzen um Christoph Links die beiden Herausgeber des Bandes, Heike Kleffner und Matthias Meisner. Ihr Buch erschien erst kurz vor der Messe und versammelt 52 Autoren, die sich auf über 300 Seiten einem Stoff widmen, der »zu hart ist, um Spaß zu haben« beim Lesen, so sagen sie. In Reportagen, die einem feuilletonistischen Anspruch folgen, nehmen sie eine politische Bestandsaufnahme vor, analysieren die Situation in den einzelnen Regionen und in der Zivilgesellschaft insgesamt.

© Ch. Links Verlag
© Ch. Links Verlag

Woher kommt die Wut, die Angst? Gerade Angst und Verzagen scheinen in der Auseinandersetzung mit Sachsens Fremdenfeindlichkeit und dem Versuch einer Ursachenforschung allgegenwärtig. Mit Iris Gleicke, der Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, und Ali Schwarzer, Blogger und bekennendem Leipzig-Flüchtling, ist die Runde komplett und die Stimmung gespannt. Der Respekt vor dem Thema und der Respekt vor Reaktionen sind omnipräsent. Schwere Worte fallen, die Autoren geben beschämende Begebenheiten wieder, berichten vom Wegducken und vom Vorwurf des Nestbeschmutzens, von fehlendem Mut und Machtlosigkeit. Sie beschreiben unhaltbare Zustände, die wütend machen und aufwühlen beim Zuhören.

Und mit all dem scheint das Publikum sehr einverstanden zu sein, denn Laute der Bestürzung, Zustimmung, auch der Ernüchterung sind aus der Menge zu vernehmen. Klar ist, dass sich hier heute alle aus derselben Gesinnung heraus versammelt haben. Es herrscht Einigkeit darüber, dass die Zustände eine Grenze erreicht haben und man handeln muss.

Was nahezu ausbleibt, sind Hintergründe oder Lösungen. Was ist los mit den Sachsen und wie kann man zu ihnen vordringen, um die Abgehängten wieder dazu zu holen? Und so schwindet die Hoffnung darauf, eine Lösung oder einen Ansatz zu finden. Auch wenn das gewiss kein realistisches Ziel für einen einzelnen Abend ist.

Eine konkrete Lösung hat der mittlerweile in Mannheim lebende gebürtige Leipziger Ali Schwarzer anzubieten, und die ist bitter »Ich rate nicht dazu, zu bleiben.« Mehr geht bei nüchterner Analyse nicht, so der traurige Schluss. Und das trotz Meisners Bitte an die Autoren, »wenigstens am Ende noch ein bisschen Optimismus« reinzubringen.

Die Ernüchterung trifft nach diesen neunzig Minuten der Bestandsaufnahme härter, als man erwartet hatte. Das Buch entstand, um sich mit denen zu solidarisieren, die für die demokratische Grundordnung kämpfen. Am Ende lässt es wenig Platz für Optimismus und ist keines, das Mut macht. »Preaching to the converted« bringt nichts, so bringt Ali Schwarzer das Dilemma auf den Punkt: An diesem Abend besteht unter Solidarisierten Einigkeit, doch bereit für eine Lösung ist noch keiner. Schlechte Prognosen für den landläufigen Sachsen.

Aufgeladen mit all dem Unmut und der Ratlosigkeit endet die Diskussion. »Die Sachsen sind immun«, sagte Kurt Biedenkopf seinerzeit über dieses besondere, in Verruf geratene Land. Wogegen und warum, ist eine Frage, die sich nach der Lektüre des Buches wohl nicht abschließend beantworten lassen wird. Aber zu wissen, für welche Werte man nicht stehen will, ist immerhin ein erster Schritt hin zu denen, mit denen man weitergeben möchte.

Beitragsbild: Matthias Meisner, Iris Gleicke, Christoph Links, Heike Kleffner und Ali Schwarzer (v.l.n.r.) im Zeitgeschichtlichen Forum. © Ida Leitlof


Die Veranstaltung: Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen, Zeitgeschichtliches Forum, 24.03.2017, 17.30 Uhr

Das Buch: Heike Kleffner/Matthias Meisner (Hg.): Unter Sachsen. Zwischen Wut und Willkommen. Ch. Links Verlag, Berlin 2017, S. 312, 18 Euro


 

 

Die Rezensentin: Ida Leitlof

 


 

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Ein Gedanke zu „Über Sachsen

  1. Ich war nicht dabei, finde aber die Stimmung gut eingefangen und kann mir lebendig vorstellen, wie der Abend lief. Vielleicht hat das Buch von der Herangehensweise einen Fehler: den Sachsen als Durchschnittsmensch gibt es nicht. Deswegen findet sich auch keiner in den sichtbar gemachten Eigenschaften wieder. Wer von uns ist böse? Ich nicht, du auch nicht und alle die unsere Freunde und Verwandte sind es auch nicht. Jeder für sich ganz in Ordnung. Wer tut denn dann Böses und wer macht dabei mit und warum? Gibt es sächsische Soziologie? Wahrscheinlich nicht. Wie im Artikel beschrieben, gehörten die Anwesenden geschlossen zu den Menschen, die unter Sachsen selbst nur Gutes erleben und den etwas schlechten Ruf so nicht stehen lassen wollen. Somit hat das Buch wohl doch etwas Positives: es provoziert zum „besser sein “ wollen.

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