»Das Haus braucht nichts außer uns!«

Markus Günther liest aus seinem Prosa-Debüt »Weiß«.

Wie haben Sie Ihre Wohnung einrichtet? Wie viele Gegenstände und Möbelstücke stehen in ihr? Welche Farbe haben Ihre Wände? Und was sagt das alles über Ihre Person aus? Mit diesen Fragen konfrontierte Markus Günther sein Publikum, als er sein neuestes Werk präsentierte. Mit dem Roman »Weiß« hat der Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung nun sein Prosa-Debüt veröffentlicht. Da Kunst im Leben der beiden Hauptfiguren des Romans eine große Rolle spielt, fand die Lesung stilecht in der kleinen Stritz-Galerie in Stötteritz statt.

© Dörlemann Verlag
© Dörlemann Verlag

In »Weiß« geht es um Hannah und Jo, die eine scheinbar perfekte Ehe führen. Beide teilen ihre Leidenschaft für Kunst und glauben, alles über den anderen zu wissen. Sie leben ihren ganz eigenen Traum von absoluter Reinheit und Zurückhaltung in ihrem steril wirkenden Designer-Haus. Doch eines Tages beobachtet Hannah, wie ihr Mann heimlich wie im Rausch an einem weißen Stück Wäsche seiner Patentochter riecht. Die Fassade ihrer so perfekten Welt beginnt plötzlich zu bröckeln.

Direkt zu Beginn der Veranstaltung las der Autor die ersten Seiten des Romans auf so packende Art und Weise vor, dass die intensive Atmosphäre der Anfangsszene das gesamte Publikum in der Galerie vor Spannung erstarren ließ. Drei Abschnitte aus dem Roman hatte Günther für die Lesung vorbereitet, in denen man einen umfangreichen Einblick in das Innenleben sowie die äußere Umgebung der Protagonisten erhalten konnte. Da das gesamte Buch aus der Sicht von Hannah verfasst wurde, kam schnell die Frage auf, wie Günther ein so überzeugendes Psychogramm einer zweifelnden Ehefrau gelingen konnte. In der anschließenden lebhaften Diskussionsrunde ging es jedoch vor allem um die Bedeutung der Farbe Weiß, die sich laut Günther wie eine Urkraft durch unseren Alltag ziehe und zu der die Figur Jo eine ganz besondere Obsession hegt.

Auch wenn die Romanhandlung am Ende quasi ins Nichts führt, wurde einem in der Diskussion plötzlich klar, dass Günther ein beachtliches Werk abgeliefert hat, das teilweise sehr subtil Fragen aufwirft, die uns alle irgendwann beschäftigen. Fragen nach äußerer und innerer Attraktivität, nach dem Begriff der Reinheit und danach, wie viel Kontrolle und Streben nach Perfektion eine Beziehung vertragen kann.

Schließlich meldete sich eine Frau mittleren Alters im Publikum zu Wort, die angeblich selbst in einer sehr minimalistischen Wohnung lebe und sich nur mit komplett weißen Wänden wohl fühle. »Sie sind die perfekte Leserin für das Buch«, antwortete Günther scherzhaft.

Die Lesung wirkte noch lange nach, auch wenn sie, wie der Roman selbst, mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet hat. Selbst auf der Straße rissen die Diskussionen und Interpretationen der Zuhörer nicht ab. Schaut man sich danach in der eigenen Wohnung um, sieht man plötzlich sämtliche weiße Gegenstände mit anderen Augen …

Beitragsbild: Markus Günther liest aus »Weiß«. © Janick Nolting


Die Veranstaltung: Markus Günther liest aus seinem Roman Weiß, Moderation: Annika Jonas, Stritz-Galerie, 24.3.2017, 19 Uhr

Das Buch: Markus Günther: Weiß. Dörlemann, Zürich 2017, 191 Seiten, 20 Euro, E-Book 14,99 Euro


Nolting_Profilbild_2016-12-08

 

 

Der Rezensent: Janick Nolting

 


 

Facebooktwitter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.