Schuster, mach doch mal was völlig Beklopptes!

Treffen sich ein Bayer, eine Ruhrpottlerin und ein Ostfriese in Sachsen. Im Schauspiel Leipzig stellen die drei führenden Poetry Slam Verlage beim Gipfeltreffen der G3 ihre »SpitzenkandidatInnen« vor: Alex Burkhard, Sandra Da Vina und Andy Strauß.

Die Diskothek des Schauspiels Leipzig liegt oben, sehr weit oben. Der Aufstieg scheint jedes Mal wie ein Teil der Performance. Wird er der Mühe wert sein?

© Satyr Verlag
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»Ich benutze auch ganz andere Schriftzeichen als Sie«, verkündet Andy Strauß. Damit erklärt er, dass er nicht aus seinem neuen Buch vorliest, sondern den Kopf in ein großes Notizbuch steckt. Er habe einen »Tippboy«, dessen Job es sei, seine Texte zu »tippboyen«. Er habe diesen Text auch erst ein Mal vorgetragen und ihn seitdem auch nicht geübt, denn »wir wollen ja leben und nicht üben«. Andy Strauß ist ein Typ, der sein Publikum durch totale Überforderung in eine Art verzweifelten Lachwahn treibt. Sein neues Buch »Boulettenbetti hatte Geburtstag« ist größtenteils in diesem Stil gehalten: Überforderung durch totalen Quatsch, ab und an eine hexenartige Gestalt und ein paar wirklich überraschende Wendungen. Heute Abend dagegen lacht das Publikum, weil Andy Strauß Witze macht. Befreiendes Gelächter an genau den richtigen Stellen, über genau die richtigen Witze. Ist Strauß erwachsen geworden?

Sandra Da Vina wirkt ein wenig überdreht und hibbelig, als sie die Bühne betritt, durchaus sympathisch. Hinterher kann sie den Applaus kaum aushalten, sondern kündigt währenddessen schon ihren Nachfolger an. Zum Glück ist das das einzige Klischee, das sie bedient. In ihrem Buch »Hundert Meter Luftpolsterfolie« schreibt sie über die klassisch-banalen Themen, ohne dass sie trivial wirken: Umkleidekabinen bei H&M oder Klassentreffen. Alles mit scharfer Selbstironie und ausgeprägter Beobachtungsgabe. Warum nicht einfach mal mit dem Staubsauger Gegenstände in Bettnähe saugen, um nicht aufstehen zu müssen? Sogar der Einbrecher hinter dem Vorhang kann nach zwölf Stunden nicht länger ausharren.

Alex Burkhards Buch »Benutz es!« handelt von der Künstlerkrankheit, das ganze Leben zu Kunst verarbeiten zu müssen. Das tut er mit Bravour. Vielleicht sei es keine gute Idee, wenn der Schuster immer bei seinen Leisten bleibt: »Schuster, mach doch mal was völlig Beklopptes!« Oder vielleicht ist auch das Schusterdasein als solches der Fehler? An der Sexszene zu seinem Text über die Unverbindlichkeit in modernen Beziehungen arbeite er noch. »Passiert halt auch nicht so oft …« Alex Burkhard muss nicht witzig sein, um sich Gehör zu verschaffen, aber er kann. Gute Pointen verbinden sich mit der Bereitschaft, aufs Ganze zu gehen, emotional wie sprachlich. Durch das Auslassen jeder Form von Kitsch ist das richtig gut. Der Mann ist aber schließlich auch dreifacher Münchener Stadtmeister im Poetry Slam.

Es ist ein abwechslungsreicher Abend, gestaltet von drei KünstlerInnen auf Augenhöhe. Danach beginnt das Publikum den Abstieg vom Gipfel zurück auf den Boden.

Beitragsbild: Von links: Volker Surmann, Andy Strauß, Andreas Köglowitz, Sandra Da Vina, Alex Burkhard, Karsten Strack. © Johanna Posenenske


Die Veranstaltung: Gipfeltreffen der G3 mit Alex Burkhard, Sandra Da Vina und Andy Strauß, Schauspiel Leipzig, 23.3.17, 20.30 Uhr

Die Bücher:

  • Alex Burkhard: Benutz es! – Von der Kunst, es unnötig kompliziert zu machen. Satyr Verlag, Berlin 2017, 160 Seiten, 11,90 Euro
  • Sandra Da Vina: Hundert Meter Luftpolsterfolie. Lektora, Paderborn 2016, 184 Seiten, 12,00 Euro
  • Andy Strauß: Boulettenbetti hatte Geburtstag. Unsichtbar-Verlag, Diedorf 360 Seiten, 12,90 Euro

 

 

Die Rezensentin: Johanna Posenenske

 


 

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