Ein Verlagsprogramm jenseits von Trends und Sparten

Interview mit Bertram Reinecke, Verleger von Reinecke & Voß und selbst Schriftsteller. Er erzählt Leipzig lauscht, wie Verlagsarbeit aussieht, wenn tatsächlich das Buch zum Lesen im Vordergrund stehen soll, und nicht das Buch fürs Regal.

Wie ist der Verlag Reinecke & Voß entstanden?

Bertram Reinecke: Ich hatte mein Studium am Literaturinstitut Leipzig beendet, auch schon für verschiedene Verlage lektoriert, hatte aber das Gefühl, dass meine Fähigkeiten kaum gefragt waren. Ich ärgerte mich auch oft, wenn gute Texte nicht oder nicht mehr als Buch erhältlich waren. Gleichzeitig war ich gut vernetzt. Als 2009 ein Freund versprach, mit Kapital und buchhalterischen Fähigkeiten einzusteigen, schien der richtige Zeitpunkt gekommen. Das mit dem Kapital zerschlug sich schnell. Auch sonst hatten wir Differenzen, was professionelle Verlagsarbeit bedeutet – er verließ bald das Projekt.

Was zeichnet Ihren Verlag aus?

Wir haben viele Titel, die mit Gattungen der Sachprosa spielen, wie fiktive Features, Traktate oder Tagebücher, überhaupt Texte, die weniger verbreitete literarische Verfahrensweisen nutzen oder die Grenzen des literarisch Möglichen verschieben. So haben wir mit Titus Meyers »Andere DNA« das längste bekannte Palindrom der Welt verlegt. Daneben kristallisiert sich immer mehr heraus, dass das Interesse für das Schaffen hierzulande unbekannter Barockschriftsteller relativ einzigartig ist.

Kennzeichnend für den Verlag ist, dass die Bücher hier von Leuten betreut werden, die den Literaturbetrieb aus Autorensicht kennen. Das gilt für mich, ebenso für Dirk Uwe Hansen, den Herausgeber der Neugriechischen Reihe, aber auch für Peter Holland, der demnächst mit lateinamerikanischer Poesie einsteigt.

Die Verlagsarbeit ist stark text- und inhaltszentriert und schielt weniger nach »Zielgruppen«. Autoren, die den Ehrgeiz haben, dass ihre Titel in möglichst vielen Buchhandlungen ausliegen, sind hier nicht gut aufgehoben. Es geht stattdessen um einen guten Ruf in Spezialmedien und Mundpropaganda.

Einschränkung wie Freiraum ist der Umstand, dass der Verlag keine Angestellten hat. Er muss deswegen nicht in jeder Saison so und so viele Titel in den Markt drücken und kann so freier planen, leichter Titel ablehnen wie auch längerfristig bewerben, wenn sich ein Buch langsamer entwickelt.

Unter welchen Voraussetzungen wird ein Buch bei Reinecke & Voß verlegt?

Ein interessanter Text muss für ein günstiges Taschenbuch geeignet sein. Der Verlag ist vorsichtig mit Illustrationen. Es geht um das Buch, das man unbekümmert in die Wanne mitnimmt, Freunden beim Wein vorliest und in der Kneipe vergessen kann, nicht um das vorsichtig zu behandelnde, wertvolle Buchobjekt, das den Platz im Regal schön ausfüllt.

Ein Buch bei uns sollte in gewissem Sinne alternativlos sein. Wer seine Texte bloggt oder auf Kampfpreise bei E-Books schaut, ist hier schlecht aufgehoben.

Nicht nur thematisch interessant ist die aktuelle Anthologie mit Erzählungen aus dem Ostseeraum mit dem Titel »Weniger eine Leiche als vielmehr eine Figur«. Der Klappentext verspricht »tiefe Einblicke in Lebensweise, Stimmungen und Schreibhaltungen unserer nördlichen und östlichen Nachbarn«.

Aktuelle Neuerscheinung aus Verlag. © Reinecke & Voß
Aktuelle Neuerscheinung aus dem Verlag. © Reinecke & Voß

Viele Leser sind neugierig auf fremde Literaturen. Anthologien wollen diese Neugier stillen. Leider steht dieses Interesse zu ihrem Ruf fast in einem umgekehrten Verhältnis. Solche Sammlungen werden gelobt, wenn sie neue Trends kolportieren, während Anthologien, die ihrem Ausgangsmaterial eine solche Vorprägung ersparen, wenig Aufmerksamkeit ernten. Anthologisten sind daher stets in der Versuchung, den Leser genau um die Breite zu betrügen, die er eigentlich sucht.

Das Projekt »Nordische Novellen« an der Universität Greifswald umschifft solche Versuchungen. Kein einzelner Herausgebergeschmack würde die Auswahl verdünnen. Studenten als Übersetzer sind zwar keine Profis. Jeder würde aber desto sorgfältiger arbeiten und sich der Kritik der Lektoren und Dozenten stellen. Da die Studenten unentgeltlich aus Liebe zum Text arbeiteten, wurden flaue Vorlagen vermieden, die oft ein Problem »repräsentativer« Sammlungen sind.

Apropos lesenswert … von der Leipziger Buchmesse sind Lesungen nicht wegzudenken. Bemerken Sie unterschiedliche Reaktionen, wenn Leute ein Buch öffentlich vorgestellt bekommen im Gegensatz zum selbstständigen Lesen?

Wichtig scheint mir das gemeinsame Erlebnis von Literatur. Öffentliche Lesungen sind eine Möglichkeit, Umgangsweisen mit Texten zu erfahren. Oft braucht ein Leser nur ein paar Winke, damit sich ein Text in seinem Anliegen erschließt. Solche Winke können in der Leseweise oder dem Stimmfall gegeben sein, aber auch in den Reaktionen anderer Lesungsteilnehmer. Gerade vor schwierigen Texten haben viele Leser eine Scheu, die wohl mit der Schulangst zu tun hat, in Interpretationen Falsches zu schreiben. Da reicht es oft schon, zu erleben, wie andere Hörer gelassen dabei bleiben, wenn sie nicht alles ganz verstehen. Außerdem kann die Lesung Effekte des Mediums Schrift ausgleichen: Leser haben zum Beispiel bei Gedichten oft ein distanziertes Verhältnis zu Wiederholungen, im lauten Vortrag erschließen sich solche Texte besser. Schwierige syntaktische Konstruktionen hingegen wirken im Vortrag oft weniger.

Sie sind selbst Schriftsteller. 2012 erschien Ihr ungewöhnlichster Lyrik-Band »Sleutel voor de hooigduitsche Spraakkunst« bei roughbooks. Darin montieren Sie, vervollständigen oder beenden existierende Gedichte bekannter Autoren. Einige Texte bestehen komplett aus fremden Zeilen. Wie ist die Idee zu diesem Buch entstanden und wie gestaltete sich das Schreiben?

Das Cover von »Sleutel«. © roughbooks
Das Cover von »Sleutel«. © roughbooks

Meine Arbeitsweise ist eng mit meinem Lesehabitus verbunden. Ich interessiere mich sehr für Epistemologie und die Vorsteuerung von Diskursen durch Vokabulare, was derzeit auch oft als Framing diskutiert wird. Jeder Text trägt in der Wahl seiner Worte und im Wie der Verwendung Annahmen über die Welt und alte, teils unreflektierte Erfahrungen in sich. Diesen spüre ich mit Neugier nach.

Auch als Kind war ich schon ein Mensch, der gerne verglich: technische Daten von Autokartenspielen, die Anhänge polytechnischer Kalender oder die kartografischen Darstellungen in unterschiedlichen Atlanten. Meine Lektüren hatten Züge nichtlinearen Lesens. Auch das spiegelt »Sleutel« wieder. Dass gerade die Montage aus unveränderten Fremdversen mich so reizt, liegt daran, dass hier noch Neuland betretbar ist: Man kann heute die rein mechanischen Prozesse dem Rechner überlassen, über Volltextsuchen etc. Man kommt so zu Ergebnissen, die sich vorhergehende Dichter nicht vorstellen konnten. Gleichwohl bleibt es eine recht langwierige Arbeit: Man muss für ein kürzeres Gedicht oft 70 bis 90 Stunden am Rechner sitzen.

Wie hat sich der Stellenwert von Literatur Ihrer Meinung nach in den letzten Jahren verändert? Wie hat sich das auf die Wahrnehmung Ihres Verlags niedergeschlagen?

Die audiovisuellen Medien sind dabei, einen Teil des Literaturmarktes zu übernehmen. Wer gute Unterhaltung während einer Busreise sucht, kann heute auf Internet und Mediatheken der Busfirma zurückgreifen. Literatur, die rein auf Spannung setzt, mag langfristig an Bedeutung verlieren. Das Ausloten alternativer Weltentwürfe hat neben dem Film im Computerspiel eine wachsende Konkurrenz. Ich staune immer, wie differenziert Gespräche meiner jungen Mitmenschen über Spielinhalte geworden sind und denke: So muss es anderen gehen, wenn ich über Literatur diskutiere. Andererseits vermag aber das Zelebrieren von Lektüre in Buchblogs, Booktubes oder bei Instagram das Lesen manchem nahezubringen, dem Lektüre bisher fern stand. Solche Blogs und Fanfiction-Seiten sowie die Verbesserung des Digitaldrucks führen dazu, dass die Fallhöhe zwischen dem Autor und dem reinen Leser schrumpft. Dies sind aber Beobachtungen, die am Verlagserfolg nicht direkt ablesbar sind. Unser Verlagsprogramm liegt jenseits dieser Trends, da Autorinnen bei uns größeren Wert auf die sprachliche Gestaltung und den sprachlichen Weltzugriff legen.

Was bereitet Ihnen mehr Freude: das Schreiben oder das Lesen?

Ich lese viel mehr als ich schreibe. Nicht immer ist das Lesen ein Vergnügen, es ist oft Arbeit. Korrekturlesen, das Lesen von Fachinformationen, mein Lesen als Literaturkritiker, das alles sind nicht immer lustvolle Tätigkeiten. Genauso ist es beim Verfassen von Texten. Auch da kommt zwischen Entwurf und Text oft viel Mühsal. Wenn man nicht nur die klassischen Bilder – wie Lesen zur Muße, Schreiben als frei-etwas-Eigenes-ausdrücken – anschaut, sondern auch die ausfransenden Ränder, durchdringen sich beide Vorgänge ständig und werden zu Nuancen eines umfassenderen Schreib-Leseprozesses. Ich würde, weil sie gegenseitig auf sich angewiesen sind, beide Aspekte nicht gegeneinander ausspielen. Ich könnte auch nicht beantworten, ob ich lieber Freunde treffe, weil ich ihnen gern etwas erzähle, oder deshalb, weil ich ihnen gern zuhöre: Es geht ums Gespräch.

Foto: Bertram Reinecke, Verleger und Schriftsteller. © Reinecke & Voß


 

 

Die Interviewerin: Leoni Brach

 


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