Glavinics Komplex

Anstatt einer Vorstellung von Thomas Glavinics neuem Roman »Der Jonas-Komplex«, werden am heutigen Abend die Komplexe des Autors selbst präsentiert.

Wenn man sich zum ersten Stock der Connewitzer Verlagsbuchhandlung durchkämpft, eröffnet sich ein Raum, in dem die Luft steht und vor lauter Menschen kein Stück Boden mehr zu sehen ist. Anstatt sich in die Sardinenbüchse zu stürzen, verteilen sich die Besucher auf der Treppe und im Dunkel des Erdgeschosses. Dass man dann während der Lesung den Autor nicht zu Gesicht bekommt, scheint aufgrund der vortrefflichen Akustik kaum jemanden zu stören. Doch: »Bitte nur eine Person pro Treppenstufe, damit der Autor noch entlangschreiten kann!« »Schreiten« kann man das jedoch nicht nennen, als sich der massige Thomas Glavinic schwerfällig in Nike-Air-Force und Sakko vorbeischleppt.

Thomas Glavinic © Gaby Gerster
Thomas Glavinic © Gaby Gerster

1998 war Glavinic zum ersten Mal auf der Leipziger Buchmesse. Als ihn Oliver Vogel vom S. Fischer Verlag fragt, ob er 18 Jahre und elf erfolgreiche Romane später glücklich darüber sei, vor so vielen Menschen aus seinem Buch lesen zu können und darüber hinaus auf so viel mediales Echo zu stoßen, entgegnet er: »Ehrlich gesagt, habe ich es mir besser vorgestellt.« Er wisse, dass er »nicht so schlecht wie die anderen« sei. Als das Publikum lacht, entgegnet er im ernsten Ton: »Ich weiß nicht, warum ihr lacht.« Vernünftigerweise räumt er kurze Zeit später seinen Größenwahn ein. Sein Reden über Selbstzweifel und Minderwertigkeitskomplexe wirkt angesichts seiner prätentiösen Äußerungen ziemlich affektiert.

Moderator und Autor lassen das Konfliktpotenzial nicht ungenutzt. Vogel muss Glavinic, der das Publikum mit Humor und selbstgefälligem Ton zu unterhalten versucht, immer wieder auf die richtige Bahn lenken. Dieser wiederum scheint alles daran zu setzen, den Ernst auf der Strecke zu lassen. Als Vogel zum Einstieg in die Lektüre über einen dreizehnjährigen Jungen aus dem Roman resümiert, dass sich dieser in Masturbation und Schach flüchte, wird Glavinic wiederum fahrig.

Glavinic: »Masturbation ist keine Flucht.«
Vogel: »Das klären wir hinterher … «
G.: »Das verstehe ich nicht! Ohne Scherz. Masturbieren ist keine Flucht.«
V.: »Oh Gott … (leise) So etwas habe ich schon geahnt. Können wir das später klären?«
G.: »Wer sagt denn, dass die, (laut) die keine Probleme haben, nicht wixen?!«
V.: » … Das ist nicht mein Gebiet. Ich bin hier fürs Seriöse!«

Bollag_CoverGlavinic_2016-03-19Für den Roman »Der Jonas-Komplex« selbst bleibt wenig Zeit. Man erfährt lediglich, dass sich verschiedene Handlungsstränge zu einer Geschichte bündeln, die sich hier und da vom Hang zum Extremen nährt. Der Autor liest zwei Passagen, deren Komik ausnahmsweise das gesamte Publikum zum Lachen bringt. Wer Glavinic zuvor gelesen hat, der kann Vogels Verzweiflung allerdings verstehen: Es sind die existenziellen Widerhaken, an denen sich die reflektierenden Figuren seiner Romane stoßen, und die enorme Suggestionskraft, die seine Werke so unersetzbar machen. Doch das Talent, gute Literatur zu produzieren, kann ihm durch keine Unannehmlichkeit seines Charakters genommen werden. Zum Glück.


Die Veranstaltung: Thomas Glavinic: Der Jonas-Komplex, Moderation: Oliver Vogel, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, 19.3.2016, 20 Uhr

Das Buch: Thomas Glavinic: Der Jonas-Komplex. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016, 747 Seiten, 24,99 Euro, E-Book 21,99 Euro


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Die Rezensentin: Melanie Bollag

 


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