Der Klang goldener Tropfen

»Solo für Clara« gewährt Einblick in das Leben einer jungen Pianistin.

Johann Sebastian Bach hätte an dieser Lesung seine Freude gehabt. In der nach ihm benannten Musikschule im Leipziger Stadtzentrum drehte sich eine Stunde lang alles um die Klänge des Klaviers. Bereits wenige Minuten nachdem die Autorin Claudia Schreiber die Bühne betreten hatte, war ihr das Publikum verfallen. Sie las mit solch ansteckender Freude aus ihrem Roman »Solo für Clara«, als hätte nicht sie, sondern ihre Lieblingsautorin ihn verfasst.

Schreiber schaffte es gekonnt, gerade so viel zu verraten, um die Neugier der Zuhörer zu stillen und Lust auf den Rest des Buches zu machen. Sie begann auf der ersten Seite zu lesen und schloss die Lücken im Text mit humorvollen Übergängen. Als die Protagonistin an einer Stelle erwähnt, dass sie zum Flügelkauf nun doch noch nach Düsseldorf fahren würde, meint Schreiber: »Ich muss dazu sagen, die Handlung spielt in Köln. Ich komme aus Köln und für uns ist Düsseldorf das Allerletzte«. Schallendes Gelächter der Zuhörer. Perfekt imitierte sie die Persönlichkeit des aufmüpfigen, hochbegabten Mädchens und deren Eltern, die hin und wieder fast verzweifelten.

Die Situation: Die Eltern hatten ihre Tochter im Alter von fünf Jahren an ein Klavier gesetzt, ohne zu ahnen, dass sie damit den Grundstein für eine Zeit voller Geldsorgen, Beziehungsdrama und wachsender Verantwortung legen würden.

Claudia Schreiber liest aus »Solo für Clara« © Sonja Dietschi
Claudia Schreiber liest aus »Solo für Clara« © Sonja Dietschi

Es wurde viel gelacht im Konzertsaal, jeder Besucher fühlte sich angesprochen, an manchen Stellen gar ertappt. Sei es, dass man als Erwachsener mit Claras überforderten Eltern sympathisierte oder sich in der musikbesessenen Pianistin wiedererkannte.

Passend zum Roman und dem Veranstaltungsort wurde zwischen den einzelnen Passagen musiziert. Die gespielten Stücke waren nicht zufällig gewählt, es handelte sich um jene Werke, die Clara im Roman ebenfalls gerade übte. So konnte das Publikum direkt nachvollziehen, was Clara meinte, als sie sagte, dass »die Töne klingen wie goldene Tropfen.«

Es war offensichtlich, dass Musik- oder Klassik-Liebhaber an diesem Morgen in der Überzahl waren. Doch auch Laien ermöglichte Claudia Schreiber mit ihrer Lesung eine Welt zu entdecken, die einem bis dahin unbekannt war: Das Leid und die Freude eines hochbegabten Kindes und die Bedeutung dessen für sein Umfeld.

Claras Liebe für die Musik und Schreibers offensichtliche Bewunderung für ihre Protagonistin wirkten ansteckend. Nach der Lesung wurde der Büchertisch belagert, als gäbe es den Roman nur an diesem Tag zu kaufen und die Besucher ließen es sich nicht nehmen, das Buch signieren zu lassen. Schreiber nahm sich Zeit, war entspannt und herzlich, besonders im Umgang mit ihren jungen Zuhörern. Alle verließen das Gebäude gut gelaunt; die meisten mit einem Buch unterm Arm und einer Melodie im Ohr.


Die Veranstaltung: Claudia Schreiber liest aus Solo für Clara, Musikschule Johann Sebastian Bach, 19.3.2016, 11 Uhr

Das Buch: Claudia Schreiber: Solo für Clara. Carl Hanser Verlag, München 2016, 272 Seiten, 16,90 Euro


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Die Rezensentin: Sonja Dietschi

 


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