„Manchmal muss man die Tür eintreten, wenn sie nicht aufgeht.“

Im Rahmen des Lesefestivals Leipzig liest findet am 14. März in der Galerie ARTAe (Gohliser Straße 3, 04105 Leipzig) eine gemeinsame Lesung der beiden Schriftsteller Tino Hünger und Lutz Rathenow statt. Beide sind zu unterschiedlichen Zeiten und unter unterschiedlichen Gegebenheiten in der DDR aufgewachsen und haben bis zum Zusammenbruch der SED-Regimes dort gelebt. Sie verbindet ihre Einstellung zum damals vorherrschenden politischen System.

Leipzig lauscht hat Tino Hünger vorab zum Interview gebeten.

Von Andreas Parnt

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Ihr Buch Wut, Spaß und Tränen erschien Ende letzten Jahres im Leipziger Militzke Verlag. Die erste Auflage verkaufte sich sehr schnell. Die Resonanz ist durchweg positiv. Hätten Sie mit so einem Feedback auf Ihr Erstlingswerk gerechnet?

Nein, ich hatte weder damit gerechnet, dass es so viel Interesse für das Buch gibt noch mit dem großartigen Feedback. Meine Aussage vor Erscheinen war, dass ich glücklich bin, wenn es einen Menschen gibt, den ich nicht kenne und der mir zurück meldet, das Buch habe ihn berührt. Nimmt man diese Aussage zur Grundlage, dann müsste ich gerade vor lauter Glück wild durch die Gegend hüpfen.

Sie wurden 1972 in Zeulenroda (Thüringen) geboren, durchlebten die DDR als Kind und Jugendlicher. Das Buch stellt eine Art Zeitreise dar. Autobiografisch angelegte Episoden befördert den Leser zurück in die DDR und das wiedervereinte Deutschland der Jahre 1986 bis 1991. Trap, so der Name des Protagonisten und Anti-Helden im Buch, erlebt keine normale Jugend. Im Punk findet er den Soundtrack für sein Lebensgefühl. Inwieweit ist der Autor Tino Hügner der Jugendliche aus dem Buch?

Ich würde sagen, der Autor war zu etwa 99 % der Jugendliche aus dem Buch. Heute ist er erwachsen geworden, sieht manche Dinge entspannter und aus der Distanz. Dennoch muss ich feststellen, dass sich viele Eigenschaften der Menschen in unserer heutigen Gesellschaft gar nicht so sehr von denen unterscheiden, die mich damals fast zerbrochen haben. Mit dieser Reduzierung der Welt auf den eigenen begrenzten Horizont und dem weit verbreiteten Mangel an Eigenverantwortung kam ich noch nie gut klar. Insofern ist Tino Hünger recht nah bei Trap.

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Das Jahr 1989 ist für die meisten Ostdeutschen mit tiefgreifenden und einschneidenden Veränderungen verbunden. Sie selbst waren zwischen dem 17-18 Lebensjahr. Aus meiner Sicht genau das richtige Alter, um all die ungeahnten Freiheiten und Möglichkeiten nutzen zu können. Doch nicht wenige Menschen waren mit dieser Situation schlichtweg überfordert. Wie erlebten Sie diese Zeit? Was meinen Sie, gab es diese viel beschworene Freiheit wirklich?

Diese Frage ist sehr individuell und schwer im Allgemeinen zu beantworten. Das hat sicher jeder sehr unterschiedlich wahrgenommen. Für mich persönlich war das knappe Jahr zwischen Grenzöffnung und Wiedervereinigung die freieste Zeit meines Lebens. Plötzlich war alles möglich und wir haben einfach nur noch das getan, worauf wir Lust hatten. Keiner konnte uns genau sagen, was jetzt richtig oder falsch war, welche Regeln nun galten. Überforderung war vor allem auf Seiten der Erwachsenen und der sogenannten Autoritäten spürbar. Ernstzunehmende Orientierung war eine ganze Weile nicht verfügbar. Die wussten schlichtweg nicht, was sie uns mit den auf den Weg geben sollten. Rückblickend finde ich das ziemlich verständlich. Woher hätten sie es auch wissen sollen? Dennoch kann ich das nicht entschuldigen, weil es auch eine Frage von Prioritäten ist. Und diese Prioritäten genossen plötzlich die ganzen bunten und duftenden Dinge sowie Autos und Videorecorder. Sich mit unseren Fragen zu beschäftigen war zu anstrengend, man wollte erstmal genießen. In dem Überfluss an Konsumgütern schien sich der Bedarf an Freiheit für viele schon erschöpft zu haben.

Wie hätte Ihr Leben aussehen können, hätte es den als Friedliche Revolution bezeichneten Untergang des Arbeiter- und Bauernstaates nicht gegeben?

Das will ich mir gar nicht ausmalen. Für mich kam die “Wende” zum richtigen Zeitpunkt, ich war erst 17 und damit noch nicht volljährig. Eine der Optionen wäre wohl gewesen: Ausbildung beenden und dann Arbeiten bis zur Rente im gleichen Volkseigenen Betrieb, unterbrochen von 18 Monaten Wehrdienst bei der NVA. Wahrscheinlicher erscheint mir die zweite Variante: Ausbildung beenden, Wehrdienst verweigern, eventuell Knast und Alkoholismus, Ausreiseantrag und Umsiedlung in die BRD. Ich bin sehr froh darüber, dass weder das eine noch das andere eingetreten ist. Insofern bin ich ein waschechter “Wendegewinner”.

Von Albert Schweitzer stammt das folgende Zitat: „Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.“ Wenn Sie an die aktuellen Geschehnisse in Deutschland rund um diese sogenannten Protestbewegungen (PEGIDA, LEGIDA usw.) denken, was fühlen Sie? Macht Sie das wütend?

Absolut! Wütend und resigniert. In der DNA unserer nicht ausländischen Mitbürger scheint es ein Gen zu geben, das solche Entwicklungen begünstigt. Warten auf einen starken Mann, der irgendetwas Unreflektiertes vorplappert und dann in blindem Gehorsam hinterher trotten. Das ist ein sich wiederholender Teil deutscher Geschichte. Insofern macht der hässliche Begriff “deutsche Leitkultur” durchaus Sinn, auch wenn er ganz anders gemeint war. Ein Leithammel blökt los und die Herde folgt. Hauptsache es gibt irgendeinen anderen, am besten schwächeren, dem man für sein verkacktes Leben die Schuld geben kann. Sollte die Sache schieflaufen und, wie in Deutschland üblich, im Desaster enden, dann war der Leithammel schuld, nicht die Herde. Die weißen Schafe haben das ja alles nicht gewollt und sowieso von nichts gewusst. Die Existenz von Auschwitz war ja auch keinem bewusst.

Die x-GIDA, egal an welchem Ort, ist keineswegs eine Bürgerbewegung sondern nur ein weiterer Versuch der extremen Rechten in der Mitte der Gesellschaft Fuß zu fassen. Die Organisatoren sind bekannte Rechtsextremisten und ihre Reden stinken schwarzbraun. Wer sich dort einreiht, macht sich zu deren Gefolgschaft, auch wenn es ihm nur um die Abwassergebühren oder die sächsische Kleingartenverordnung geht.

Am 14. März findet eine Lesung zusammen mit Lutz Rathenow, dem sächsischen Landesbeauftragten für Stasi-Unterlagen, in der Galerie ARTAe hier in Leipzig statt. Rathenow war Gegner und Opfer des DDR-Regimes. Er lehnte Ausreiseangebote der staatlichen Behörden ab und war bis zum Ende der DDR oppositionell tätig. Wie kam dieser Kontakt zustande? Was erwartet die Zuhörer an diesem Abend?

Am Zustandekommen habe ich leider keinen Verdienst, das haben die Verlage, “Leipzig liest” und die Galerie ARTAe organisiert. Ich finde die Mischung aber ziemlich spannend und denke, dass es ein unterhaltsamer und für alle Anwesenden  bereichernder Abend wird. Lutz Rathenow und ich haben in der DDR sehr unterschiedliche Erfahrungen gesammelt und sind auch später, nach der “Wende” unterschiedlich damit umgegangen. Ich freue mich auf diesen Austausch.

„Die Haare haben zwar an Farbe verloren, aber das Funkeln in den Augen verrät, dass noch immer der Rebell im Herzen sein Feuer anzündet.“ So steht es auf Ihrer Internetseite. Ein Rebell, so heißt es allgemein, ist ein Mensch, der sich widersetzt, der aufbegehrt. Was muss passieren, damit der Rebell in Ihnen sein Feuer entzündet?

Es muss ein im Leben gescheiterter und vorbestrafter Rechtsextremist kommen und eine Fake-Bürgerbewegung ala x-GIDA gründen. Nein, das sollte jetzt witzig sein, ist aber leider nicht besonders lustig.

Ich glaube, das Thema Rebellion ist sehr persönlich. Jeder Mensch legt dabei seinen eigenen Maßstab fest und natürlich auch die eigenen Grenzen. Während manche Leute aussteigen, keine Steuern zahlen, im Wald wohnen oder sich Sekten anschließen, gibt es andere, die versuchen, innerhalb der Gesellschaft Bewegung zu ermöglichen, im besten Falle sogar Veränderungen zu erzielen. Meine Rebellion lebt irgendwo dazwischen in einer Grauzone. Mir fehlt die Fähigkeit, mich mit der großen Ordnung der Dinge im Einklang zu bewegen. Irgendetwas macht mich immer wütend. Ich glaube nicht an Schicksal, den Willen irgendwelcher übermächtigen Wesen oder schlechtes Karma. Die kulturellen und sozialen Zustände auf dieser Welt wurden von Menschen gemacht und sind somit auch durch diese veränderbar. Auch wenn es sich oft so anfühlt, als würde man gegen eine meterdicke Mauer rennen, tatsächlich ist absolut gar nichts in Beton gegossen. Der erste Schritt zu einer Veränderung besteht immer darin, sich selbst eine Reihe von Fragen zu stellen. Was will ich wirklich? Was bin ich bereit dafür in die Waagschale zu werfen? Es ist sehr einfach, andere (die da oben, Gott, oder den Wetterbericht) für Dinge verantwortlich zu machen, die einem nicht in den Kram passen. Wer mit so einer verkürzten Schuldzuweisung zufrieden ist, der kann dann mit seinem Gefühl, den Sündenbock zu kennen, durchaus glücklich und bequem leben. Für alle anderen, mich eingeschlossen, kostet das größere Anstrengungen. Zwangsläufig gehört dazu auch die Auseinandersetzung mit Legalität, zivilem Ungehorsam oder Gewalt. Manchmal muss man die Tür eintreten, wenn sie nicht aufgeht.

Sie leben mit Ihrer Familie in Leipzig, arbeiten als Sozialpädagoge und sind leidenschaftlicher Sportler. Wie viel Zeit bleibt da noch zum schreiben? Gibt es aktuelle Projekte und Pläne für kommende Veröffentlichungen?

Was meine berufliche Tätigkeit angeht, da ist aus sehr unterschiedlichen Gründen gerade vieles im Fluss.

Zeit ist ja in der allgemeinen, der derzeitigen Lifestyle-Obsession entsprechenden, Wahrnehmung die Mangelware Nummer eins. Ich glaube, wenn man Zeit für etwas haben möchte, das man wirklich tun will, dann muss man sie sich einfach nehmen. In der Konsequenz bedeutet das, dafür andere Dinge nach hinten zu stellen. Den Fernseher auslassen, weniger Mittagessen bei Facebook posten und schon hat man täglich eine oder mehrere Stunden für Wichtigeres verfügbar.

Ich habe an dem Buch über mehrere Jahre meistens abends ein bis zwei Stunden geschrieben, nach Familienleben, Training und Arbeit. Mir hat das gut getan, das war Entspannung und Stressabbau für mich. Wenn man das als Belastung empfindet, dann funktioniert sowas nicht. Mein Vorteil war, ich hatte zu der Zeit keinerlei Druck, keinen Abgabetermin oder ähnliches. Verlage kontaktiert habe ich erst, nachdem die meiste Arbeit schon getan war.

Zu weiteren Veröffentlichungen kann ich nur sagen, dass es Ideen und Vorstellungen gibt. Wirklich spruchreif ist allerdings noch nichts davon.

http://tinohuenger.com/

http://www.artae.de/popup/lesung042015.html

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