»Horst Seehofer gehört auch zu Deutschland«

Unter dem Titel »10.000 Singles in Ihrer Umgebung warten auf Sie« lesen Ulrike Gastmann und Christian Bosse in der Leipziger Vodkaria humorvolle Gedichte und Kurzprosa.

Rote Kerzen in Wodkaflaschen tauchen die bis auf den letzten Platz gefüllte Vodkaria in ein schummriges Licht. Das bunt gemischte Publikum hat sich vor der Lesung mit allerlei alkoholischen Getränken ausgestattet. Man ist eingestimmt auf einen feuchtfröhlichen Abend – und das Duo Bosse-Gastmann liefert.

Mit Fragen wie »Befürworten Sie die Legalisierung von Literatur?« und »Glauben Sie daran, dass Tabasco ihre Libido steigert?« werden die Zuhörer zur Interaktion angeregt. Lautes Lachen erschallt, als eine Anwesende in Ulrike Gastmann die Englischlehrerin ihres Sohnes erkennt. Es entstehen mehrere Schlagabtäusche mit dem Publikum, dessen Einmischungen in das Programm mit dem zunehmenden Genuss von Alkohol rapide ansteigen.

Christian Bosse und Ulrike Gastmann. © Milena Wein

Gastmann und Bosse beginnen, abwechselnd aus mitgebrachten Texten zu lesen. Die meisten davon sind eher gezwungen lustig. Einmal besteht die einzige Pointe des Textes darin, dass Bosse jedes einzelne »R« rollt, um an den Leadsänger von Rammstein zu erinnern. Auch auf der zunehmenden Verwendung von Anglizismen in der deutschen Sprache und dem Schokoladenkonsum sexuell frustrierter Frauen wird ausgiebig herumgehackt. Das Publikum lacht über jeden noch so flachen Witz und man hat das Gefühl, dass viele das Leipziger Duo nicht zum ersten Mal auftreten sehen.

Erst in der zweiten Hälfte nimmt das Programm auch inhaltlich an Fahrt auf. Nach einer Pause, in der sich die Gäste mit frischen Getränken versorgen, werden die scharfzüngigeren Texte ausgepackt. 10.000 Singles habe man dem Publikum versprochen, erklärt Bosse, aber die seien leider alle in der Red Bull Arena, wo gerade das Spiel gegen Bayern läuft. Naby Keïtas Tor wird von einem Zuschauer laut verkündet. Bosses Erwiderung »Keïta – ist das nicht etwas zu Essen?« erzielt zwar einige Lacher, hinterlässt aber einen unschönen Nachgeschmack.

Der Abend findet seinen Höhepunkt mit einer Hymne auf den Wodka, welche Christian Bosse vorträgt, während er gleichzeitig versucht, eine ganze Flasche klarer Flüssigkeit zu trinken, die zumindest laut Etikett als Wodka ausgewiesen ist. Die Zeit ist fast um, Gastmann liest noch einen halben Text, bevor die beiden zum Abschluss ein paar hochdeutsche Sätze auf Sächsisch »übersetzen«, wobei man darüber staunt, dass in Sachsen der eigene Dialekt als Witz herhalten kann.

Zurück bleibt der Eindruck eines Programmes, in dem Provokationen tunlichst vermieden werden. Man teilt gelegentlich ein wenig gegen den künftigen »Heimatminister« Seehofer aus und ein Zuspätkommer wird mit der Aussage empfangen, man sei ja nicht in Dresden, deshalb »schreiben wir hier Willkommenskultur ganz groß«. Mit politischer Satire hat dies aber wenig zu tun. Die meisten Pointen werden ohnehin unter der Gürtellinie erzielt. Es ist eine Art Humor, die vielleicht erst durch den Konsum von Wodka genossen werden kann, aber dennoch niemandem zu nahe tritt, damit am Ende alle er- und angeheitert nach Hause gehen können.

Beitragsbild: Ulrike Gastmann und Christian Bosse lesen in der Vodkaria © Milena Wein


Die Veranstaltung: 10.000 Singles in Ihrer Umgebung warten auf Sie. Vodkaria, 18.3.2018, 18 Uhr


 

 

Rezensiert von: Milena Wein

 

 


 

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