Horror fürs Herz

Über die Faszination unheimlicher Geschichten

von Tim Reischke

Aus dunklen Federn

In einer abgelegenen Ecke von Halle 5 überlagern Schatten die Stände. Eine unnatürliche Stille sorgt dafür, dass viele Messebesucher, die sich versehentlich hier her verirren, in hellere Gänge abbiegen. Nur die Mutigen wagen sich in die Dunkelheit und gelangen in einen Bereich, dessen Wände mit Blut besudelt sind. Spätestens hier kommen ihnen ernste Zweifel, ob es eine gute Entscheidung war, weiterzugehen. Doch da ist es schon zu spät. Sie befinden sich bereits in den Fängen derer, die schreiben … Aus dunklen Federn.

So ähnlich würde dieser Text wohl klingen, wäre er Teil der Anthologie „Aus dunklen Federn“. Monster und Spukgestalten tummeln sich in den elf Geschichten des Bandes, mit dem Herausgeberin Sonja Rüther ihren Lesern schlaflose Nächte bereiten will. Da zerstören verseuchte Tannenbäume Weihnachten, entwickeln Spiegelbilder ein Eigenleben oder werden Menschen dunklen Wesenheiten geopfert. Schreckliche Vorstellungen, aber genau darin liegt der Reiz von Horrorliteratur.

Alles andere als gruselig ist hingegen die Lesung im Literaturforum, der das überwiegend junge Publikum interessiert lauscht. Eine lockere Atmosphäre herrscht unter den Autoren, die sich bereits vor der Veranstaltung mit Umarmungen begrüßen. Nett und offen plauschen Markus Heitz, Boris Koch und Sonja Rüther mit der Verlegerin Beate Kuckertz über ihre Texte und Horrorliteratur im Allgemeinen.

„Diese Anthologie ist für mich eine besondere Herzensangelegenheit“, gesteht Rüther, die zuvor mit Ratgebern und einem Thriller auf sich aufmerksam machte. „Es ist der Kick, meine Charaktere in Extremsituationen zu versetzen und zu sehen, was dann passiert.“ Horror und Fantasy übten schon immer große Faszination auf sie aus, so war der Abstecher ins Horrorgenre weniger eine bewusste Entscheidung, als vielmehr der Spaß am Unheimlichen.

Auf die Frage, was Horror für die Autoren bedeutet, antwortet Bestsellerautor Markus Heitz: „Horror kann alles sein. Die Steuererklärung zum Beispiel. Oder auch Gerüche. Manche Gerüche sind wirklich grausam. In der Regel sind es aber die Alltagssituationen, die jeder kennt, die harmlos beginnen und plötzlich in eine dunkle Richtung abdriften.“

Boris Koch, der oft Jugendliche als Helden seiner Geschichten wählt, zieht seine Erfahrungen aus der Arbeit mit psychisch erkrankten Kindern. Für ihn ist Horror eng mit gesellschaftlichen Strukturen verbunden. „Wie grausam eine große Masse mit einzelnen Elementen umgeht, um für sich selbst das Beste herauszuholen – solche Sachen haben mich schon immer beschäftigt. Darum haben mir wohl auch Zombie-Geschichten stets so gut gefallen.“

Aus dunklen Federn CoverObwohl die unheimliche Literatur auf eine lange Erzähltradition zurückblickt, wird sie allzu schnell als Schund abgetan. Verlegerin Kuckertz wirft die Frage auf, ob Horror literarischen Ansprüchen überhaupt gewachsen sei. Mit der Routine von unzähligen Lesungen ist Markus Heitz oft Wortführer, antwortet mit einer sympathischen Portion Selbstironie, bringt dabei aber das Wesentliche auf den Punkt. „Horror gab es schon immer. Man muss sich nur mal die Märchen der Gebrüder Grimm ansehen. In Hänsel und Gretel zum Beispiel wird eine alte Frau bei lebendigem Leib verbrannt.“ Demnach sind bereits in vielen frühen Erzählungen Horrorelemente vorhanden. Der Unterschied zum modernen Horrorgenre besteht darin, dass hier einzelne Szenen mit viel mehr grausigen Details ausgeschmückt werden.

Es liegt wohl an den makaberen Grundgedanken, dass einige Leute über Gruselgeschichten die Nase rümpfen. Boris Koch lehnt es aber ab, ein ganzes Genre als „Trash“ abzutun. „Es ist wie bei jedem anderen Genre auch, da gibt es gute und schlechte Geschichten. Für eine gute Geschichte ist das Genre im Grunde völlig egal.“ Koch schätzt außerdem den Katharsiseffekt, der mit Horror verbunden ist. „Die Kunst hilft einem manchmal im Leben. Sich seinen Ängsten zu stellen, ist ein Akt der Selbstreinigung, auch wenn dies nur symbolisch durch die Protagonisten einer Geschichte passiert.“

„Außerdem …“, wirft Markus Heitz mit einem Augenzwinkern ein. „… findet man so vielleicht ein paar Ängste, die man noch nicht hat. Das kann das Leben bereichern.“

Im Anschluss bleibt noch Zeit für die Publikumsfragen. Nur zögerlich heben sich ein paar Finger. Natürlich kommen auch hier wieder die Standardfragen, nach dem Ursprung der gruseligen Ideen, deren ständige Beantwortung wohl der wahre Schrecken für jeden Horrorautor sein dürfte. In diesem Falle gibt es keine eindeutige Antwort. Man muss einfach überall die Augen offenhalten, dann findet man Ideen von ganz allein.

Unter dem Applaus der Zuhörer verlassen die Autoren schließlich die Bühne. Vor dem Literaturforum ist ein kleiner Tisch aufgebaut, an dem Markus Heitz Autogramme gibt und für einen kleinen Plausch zur Verfügung steht. Auch Koch, Rüther und einige andere Autoren des Bandes, die ebenfalls im Publikum saßen, stehen draußen im Gang zusammen. Unterhalten sich entweder miteinander oder mit Lesern. Sie lachen, wirken freundlich und ausgelassen. Und dennoch fragt man sich, welche unheimlichen Ideen vielleicht in diesem Moment in ihren Köpfen heranwachsen.


Buch: Sonja Rüther (Hg.); Aus dunklen Federn; Buchgestöber Verlag; 12,95 €; 368 Seiten

Lesung: Die Inspiration hinter der Horror-Anthologie; Markus Heitz (Autor), Boris Koch (Autor), Beate Kuckertz (Verlegerin), Sonja Rüther (Autorin und Herausgeberin); Literaturforum Halle 5, Stand F600; 12. März 2015; 11:00 – 11:30 Uhr

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