Hinter den Kulissen von »Leipzig lauscht«

Interview mit Siegfried Lokatis und Olaf Schmidt.

Was wäre »Leipzig lauscht« ohne seine Hintermänner? Die Dozenten Siegfried Lokatis, Professor für Buchwissenschaft an der Uni Leipzig, und Olaf Schmidt, Literaturkritiker und promovierter Literaturwissenschaftler, stellten sich unseren Fragen. Mit ihren Antworten gehen wir heute im Blog in eine neue Runde zur Buchmesse 2017, pünktlich zur Veröffentlichung des diesjährigen Programms von »Leipzig liest«.

 

Leipzig lauscht: Wie ist »Leipzig lauscht« eigentlich entstanden und wie lange sind Sie schon dabei?

Lokatis: Mittlerweile sind wir schon in der dritten Staffel. Die Idee kam durch eine Freundin, die mich fragte, wie es denn auf einer bestimmten Veranstaltung von »Leipzig liest« gewesen sei. Ich hatte sie leider verpasst. Da dachte ich mir, wie schade es ist, dass so vieles aus dem riesigen Angebot am Messebesucher vorbeirauscht. So entstand dann die Idee, Studierende über die Veranstaltungen berichten zu lassen, um möglichst viele Lesungen angemessen zu würdigen und über das Ende der Buchmesse hinaus greifbar zu machen. Außerdem gibt es in der »Leipziger Volkszeitung« eine gewisse Asymmetrie in der Berichterstattung, weil sie sehr viel über ihre eigenen Veranstaltungen auf der LVZ-Lesebühne berichtet. Insofern ist da ein großes Bedürfnis vorhanden, mehr über die vielen anderen Veranstaltungen zu erfahren.

Und wie kam die jetzige Kombination der Betreuer des Blogs zustande?

Schmidt: Wir kannten uns schon vorher, aber »Leipzig lauscht« ist unsere erste professionelle Zusammenarbeit. Ich wurde vor drei Jahren nach einigen Bestechungsversuchen in Form von Marzipantorte schließlich überzeugt. Patricia Blume, die dritte Dozentin, haben wir vor zwei Jahren für das Schreibtraining und die Organisation hinter den Kulissen von der Buchwissenschaft eingekauft.

Lokatis: Wir freuen uns natürlich sehr, dass wir mit Olaf Schmidt den besten Kenner der Gegenwartsliteratur in ganz Leipzig im Team haben. Für mich hört die Literatur 1990 auf, da ich im Herzen Historiker bin. Deswegen ergänzen wir uns ziemlich gut.

Was gefällt Ihnen am meisten an der Arbeit mit den Studierenden und inwiefern unterscheidet sich »Leipzig lauscht« von gewöhnlichen Seminaren?

Lokatis: Zunächst mal ist es etwas Besonderes, dass nicht nur Buchwissenschaftler, sondern Studierende aus verschiedenen Studiengängen zusammenarbeiten, was auch der Sinn von »Leipzig lauscht« ist. Jeder, der eine Leidenschaft für Literatur hegt, kann bei uns mitmachen. Interessant ist vor allem, dass die meisten Studierenden am Anfang denken, dass Bücher an Bäumen wachsen. Der Einfluss von Verlagen, Messen und Kritikern wird vielen erst im Verlauf des Seminars klar.

Schmidt: Es hat auch seinen Reiz, Studierende, die relativ wenig Vorkenntnisse haben, sei es von der Verlagswelt oder Gegenwartsliteratur, ins kalte Wasser zu schmeißen. Sie müssen direkt Kritiken anfertigen und sich in dem komplexen und ihnen unbekannten Umfeld des Literaturbetriebs bewegen. Uns ist wichtig, ihnen das Selbstbewusstsein zu vermitteln, auch kritische Texte zu schreiben und den Betrieb durchschauen zu können. Außerdem bieten wir die Erfahrung, Texte für die Öffentlichkeit zu schreiben und sich so intensiver und umsichtiger mit ihnen auseinanderzusetzen als beispielsweise in einer Klausur.

Hat sich Ihre Auffassung von Literatur seit Ihrer Studentenzeit verändert? Gibt es Bücher, die Sie früher geliebt haben und die sich heute für Sie verschließen oder umgekehrt?

Schmidt: Ja natürlich, das ist ein ganz normaler Prozess. Ein markantes Beispiel wäre Hermann Hesse, den ich als 20-Jähriger gerne gelesen habe, wohingegen ich mich heutzutage fast schäme, das zuzugeben. Natürlich ist es auch in die andere Richtung möglich. Mir persönlich ist aber aufgefallen, dass die wirklichen Klassiker über diesen Effekt erhaben sind. Generell sind Kenntnisse über Klassiker extrem wichtig für einen Literaturkritiker. Nicht nur um Anspielungen zu verstehen, sondern auch um sich von Nachahmern nicht zu sehr begeistern zu lassen.

Lokatis: Ich glaube, große Bücher macht aus, dass sie bei jeder Lektüre eine andere Wirkung entfalten. Und das ist nun mal häufig bei Klassikern der Fall.

Gibt es einen lebenden Autor, den Sie gerne persönlich treffen würden?

Lokatis: Ich würde gerne Walter Moers treffen.

Schmidt: Nein. Denn wenn man die Leute trifft, lösen sie nie große Euphorie aus. Man kann von Leuten, die ein geniales Werk erschaffen, eben nicht verlangen, dass sie selber als Menschen dieses Genie genauso ausstrahlen. Die meisten Autoren sind wahnsinnig nett, aber einfach erschreckend normal. Dafür aber im Umgang mit der Presse inzwischen doch allermeistens sehr professionell und allürenfrei.

Lokatis: Sie sind nicht mehr so auf Krawall gebürstet wie der alte Loest oder Kempowski, der soll richtig ekelhaft gewesen sein. Vielleicht liegt das auch daran, dass die Rolle des Alkohols bei unseren Autoren nicht so dominierend ist wie zum Beispiel in der US-amerikanischen Literatur.

Lieber Kafka auf dem Kindle oder J. K. Rowling in der edierten Gesamtausgabe?

Schmidt: Kafka. Literarische Qualität schlägt das Medium.

Nobelpreis oder Pulitzer-Preis?

Schmidt: Den Nobelpreis für Literatur kriegen nur Leute, die ihn nie verdient haben. Also Pulitzer.

Sterni oder Krosti?

Lokatis: Da wir von der Sterni-Brauerei schon mal Freibier bekommen haben … Sterni.

Durch die zahlreichen Autoren, die bei der Buchmesse auftreten werden, wird sichtbar, wie wichtig eine gute Vermarktung und Selbstdarstellung ist. Ist der Name des Verfassers dadurch inzwischen wichtiger als der Inhalt und die Qualität seiner Werke?

Lokatis: Bei Autoren, die durch die verschiedenen Talkshows herumgereicht werden, kann man schon eine höhere Marktläufigkeit, aber auch eine gewisse Routinenbildung beobachten. Und bei Fällen wie Elena Ferrante merkt man, wie interessant ein Buch allein durch die Autorenfigur dahinter werden kann.

Schmidt: Richtige Großautoren gibt es fast nicht mehr, höchstens noch Martin Walser. Und auch die Zeit der Literaturpäpste wie Reich-Ranicki ist vorbei. Keiner will mehr vorgeschrieben bekommen, was gut ist und was nicht. Klar, das Marketing mancher Verlage ist darauf ausgelegt, diesen oder jenen Schriftsteller besonders zu promoten. Aber so richtige Stars gibt es kaum noch. Literatur spielt einfach insgesamt eine immer kleinere Rolle.

Wie lautet abschließend Ihr Tipp für die Buchmesse 2017?

Schmidt: Vor einer Woche hätte ich noch gesagt Laurent Binet. Da spielen sie alle mit: Foucault sitzt in irgendwelchen Saunas rum, Derrida kommt zu Tode, und dann fahren sie zu Umberto Eco, der eigentlich der große Protagoras ist. Also total übertrieben. Das bezieht seinen Reiz nur aus dem großen Personal. Wahrscheinlich ist das mehr was für französische Intellektuelle.

Lokatis: Geht in die Ausstellung im Neuen Augusteum der Uni, die die großartige Buchreihe »Die Andere Bibliothek« im Spiegel der Wissenschaften zeigt!

 

Foto: Olaf Schmidt (links) und Siegfried Lokatis im Seminareinsatz. © Clemens Patzwald


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Die Interviewer: Agnes von Laffert und Nils Bünger

 


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