Hentrich & Hentrich: Über Leipzig als Buchstadt mit Herz, Zufälle im Leben und die Absurdität des Systems

Interview mit Dr. Nora Pester, Eigentümerin des Hentrich & Hentrich Verlags

Der Verlag Hentrich & Hentrich beschäftigt sich ausschließlich mit jüdischen Themen und ist im September vergangenen Jahres von Berlin nach Leipzig gezogen. Ich treffe Dr. Nora Pester, die Eigentümerin des Verlages, in Ihrem gemütlichen Büro im Haus des Buches. Wir sprechen über ihren Bezug zu Leipzig und der Buchmesse, die Entwicklung ihres Verlages sowie die politische Situation speziell in Sachsen.

Im Jahr 2010 haben Sie den Verlag Hentrich & Hentrich übernommen. Wie kam es dazu? Haben Sie das Gefühl, dass sich der Verlag seitdem verändert hat? Wenn ja – inwiefern?

Es kam dazu – wie so oft im Leben – durch Zufälle. Der Altverleger Gerhard Hentrich war 2009 bereits 85 Jahre alt und es war klar, dass er den Verlag nicht mehr ewig führen würde. Eine Nachfolge wurde gesucht und ein gemeinsamer Freund fragte mich, ob ich mir das perspektivisch vorstellen könnte. Ich habe mich dann sehr kurzfristig dafür entschieden, vielleicht auch ein bisschen blauäugig und naiv – immerhin musste ich den Verlag auch kaufen und einen Kredit dafür beantragen. Die Gründe dafür waren sehr unterschiedlich, weil es mir wirklich leidgetan hätte, wenn der Verlag verschwunden wäre – denn ein so spezielles Profil war schon damals ungewöhnlich. Es wird auch gerne vergessen, dass die NS-Aufarbeitung erst so richtig Mitte der 1980er begann – da habe ich eine gewisse Verantwortung gespürt. Ich hätte es nicht gemacht, wenn es ein allgemeiner Belletristik-Verlag gewesen wäre. Dadurch, dass ich noch jung genug war, einen gewissen Rückhalt hatte und wollte, dass es weitergeht, bin ich ins kalte Wasser gesprungen.
Die Veränderung des Verlages hat in dreierlei Hinsicht stattgefunden: zum einen eine Verjüngung des Teams, Öffnung des Spektrums auch für die Zeit vor und nach dem Nationalsozialismus sowie ein Ausbau des Publikationsvolumens auf 50 Werke im Jahr.

Das Verlagsprogramm scheint sehr weit gefächert zu sein und reicht von geschichtlichen Bänden bis hin zu dem vor Kurzem erschienenen Buch über Schwule und Lesben in Israel. Wie würden Sie ihr Verlagsprogramm beschreiben und was empfinden Sie dabei als Hauptanliegen? Was ist Ihre Zielgruppe?

Wenn wir nach unserem Themenschwerpunkt gefragt werden, sage ich immer: alles, was jüdisch ist. Das Spektrum reicht wirklich von der Biographie über das populäre Sachbuch, bis hin zu Kinder- und Jugendbüchern sowie Fotobänden. Das gesamte Spektrum jüdischen Lebens, Denkens und der Geschichte. Bis 2017 war der Schwerpunkt vor allem historisch, doch dann haben wir angefangen, auch etwas politischer zu werden – ich bin ja von Hause aus Politikwissenschaftlerin. Und das macht mir wirklich Spaß, kommt aber auch sehr gut an und hat den Nebeneffekt, dass wir eine jüngere Zielgruppe erreichen können.
Wir verstehen uns nicht als Wissenschaftsverlag, was man auch daran sieht, dass wir die Bücher nicht in einer standardisierten Form verlegen und sehr wenige Dissertationen im Programm haben. Wir wenden uns außerdem an ein jüdisches sowie an ein nicht-jüdisches Publikum. Das nicht-jüdische Publikum sucht dabei eher historische oder gesellschaftspolitische Themen und das jüdische Publikum interessiert sich zusätzlich auch für Hebräisch-Lehrbücher oder Gebetsbücher – also auch Bücher, welche für den rituellen Alltag gebraucht werden.

Bücherregal im Büro. Die Neuerscheinungen des Hentrich & Hentrich Verlages sind auf ein breites Publikum ausgerichtet © Zarah Sorger

Sie verlegen ausschließlich Bücher zu jüdischen Themen. Erleichtert oder erschwert dies eher die Wahl von passenden Autor*Innen?

Es ist dadurch eher einfacher, da die Anfragen, die wir bekommen, sehr zielgerichtet sind. In einem sehr allgemeinen Verlag bekommt man unglaublich breite Angebote. Die an uns gerichteten Anfragen passen hingegen meist zum Thema. Wir müssen der großen Mehrheit leider trotzdem absagen, da wir pro Tag ungefähr eine Anfrage bekommen – also fast 400 im Jahr. Umgesetzt werden allerdings nur 50.
Ich finde es grundsätzlich gut, wenn ein Verlag eine klare Spezialisierung hat, da das auf dem immer schwieriger werdenden Buchmarkt von Vorteil sein kann, um die eigene Zielgruppe genauer zu erreichen.

Im September ist Ihr Verlag von Berlin nach Leipzig gezogen. War neben den wirtschaftlichen Faktoren auch ihr persönlicher Bezug zu Leipzig dafür ausschlaggebend?

Dieser Bezug zu Leipzig hat sich im Zuge des Umzugs etwas verändert. Am Anfang war es eine pragmatische Entscheidung, denn unsere Miete wäre in Berlin um rund 150 Prozent erhöht worden, und an den Stadtrand zu ziehen, war keine Option. Der pragmatische Gedanke war also: Welche schönen Städte gibt es, die trotzdem gute Bedingungen bieten? Leipzig also – es liegt in der Nähe und ist außerdem meine Heimatstadt. Hier haben wir dann auch schnell gute Bedingungen und offene Ohren vorgefunden. Kurz vor und selbst in der Woche des Umzugs kam es dann zu den Unruhen in Chemnitz – und plötzlich wurde die Pressemitteilung der Adressänderung »Jüdischer Verlag zieht nach Sachsen« zu einem politischen Statement. Dadurch bekam der Umzug einen völlig anderen Kontext. Dann haben wir auch gemerkt – und das hat mich wirklich berührt –, wie tief verwurzelt die Buchtradition in dieser Stadt heute eigentlich noch ist. Als ich vor rund 15 Jahren die Stadt verließ, schien mir die Buchgeschichte auch tatsächlich Geschichte zu sein, da die Verlage die Stadt mehrheitlich verlassen hatten. Doch dann erlebte ich durch Medienanfragen und durch Reaktionen von Vereinen und Einzelpersonen, dass dieses Bewusstsein nach wie vor stark in der Stadt verankert ist. Auch deshalb wurden wir hier sehr gut aufgenommen und unsere Veranstaltungen stießen auf großes Interesse.

Nora Pester in ihrem Büro bei der Arbeit © Zarah Sorger

Wie würden Sie die politische Lage speziell in Sachsen einschätzen? War dies ein kritischer Punkt bei der Entscheidung zum Umzug nach Leipzig?

Nein, es hat uns nie an unserer Entscheidung zweifeln lassen. Doch ich möchte nicht verhehlen, dass ich bei vielen Vereinen große Sorgen wahrnehme bei der Vorstellung, dass die AfD an der Landesregierung beteiligt sein könnte. Diese Ängste muss man ernstnehmen, denn es handelt sich um existenzielle Ängste: Die ohnehin nicht üppig fließenden Mittel könnten ihnen dann komplett gestrichen werden. Das würde uns als Verlag natürlich auch beeinflussen. Das will ich nicht kleinreden. Doch wir nehmen wahr, dass sich die Vereine untereinander dadurch viel stärker vernetzen.
Was ich aber auch merke, ist, dass vieles, was in Sachsen oder speziell in Leipzig passiert, nicht wirklich nach außen dringt. Mein Lieblingsbeispiel: das Treibhaus in Döbeln, ein Kulturverein, der eine wirklich großartige Arbeit macht. Den kennt leider kaum jemand. Solche Beispiele versuchen wir auch nach Berlin zu tragen, um auch dort das Sachsen-Bild zu relativieren. Wir wollen es nicht beschönigen, doch die Vereine, die hier wirklich etwas unter schwierigen ökonomischen Bedingungen auf die Beine stellen, sollten auch mehr Öffentlichkeit bekommen.
Im September war ich auf einer Buchvorstellung in Glauchau, und ich gebe offen zu, dass ich nicht wirklich Lust hatte, an einem Freitagabend dorthin zu fahren; immerhin handelt es sich um das tiefste Sachsen. Dort war eine Buchvorstellung zu einem jüdischen Mediziner. Mit vielen Vorurteilen kam ich dort an und traf auf 150 interessierte Gäste bei der Veranstaltung – das hat mich wirklich überwältigt und berührt!

Ihre Reaktion verdeutlicht, dass Antisemitismus in Deutschland leider wieder zu einem größeren Thema geworden ist. Empfinden Sie es auch als einen Anspruch, diesem Prozess durch Ihre Arbeit entgegenzuwirken? Können Veranstaltungen wie die Buchmesse in diesem Zusammenhang auch als Plattform dienen?

Das ist ein wichtiges Thema für uns – leider wieder mehr denn je. Wir haben durchaus den Anspruch, nicht nur nach 0815-Antworten zu suchen. Das ist nicht so leicht. Viele Politiker sagen „Nie wieder! Wir müssen uns dagegen wehren, das darf nicht passieren!“ Doch dann fragt man sich oft: „Ja, aber wie denn nun?“ Was geht über das wohlwollende Statement heraus und was verpufft oder erreicht immer wieder nur dieselben Leute? Gerade in Berlin gibt es in einigen Bezirken ein echtes Problem: Mit Davidstern sollte man dort lieber nicht durch die Gegend laufen. In den „besseren“ Stadtbezirken findet dann jeden Abend eine Podiumsdiskussion zum Thema Antisemitismus statt – doch die Leute, die dort hinkommen, hat man bereits erreicht. Das ist die Absurdität des Systems.
Bald werden einige Autoren von uns Veranstaltungen in Chemnitz machen. Aber auch die Messe kann eine sehr wichtige Plattform sein, denn dort gibt es dann ein Spektrum von ganz links bis ganz rechts. Beide Seiten sind uns nicht wirklich wohl gesonnen – als jüdischer Verlag wird man eher von beiden zerrieben. Wenn ich also in Berlin eine Antisemitismus-Podiumsdiskussion mache, dann kommen die, die bereits in der Materie sind. Auf der Messe allerdings erreiche ich über diesen schmalen Kanal hinaus auch andere. Das kann dann durchaus anstrengend sein, aber ist sehr wichtig. Selten erreicht man ein so breites Publikum wie dort.

Auch dieses Jahr werden Sie mit einem Stand auf der Buchmesse vertreten sein. Abgesehen von allen politischen Aspekten: Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Leipziger Buchmesse und deren Besuchern?

Positiv! Als ich Studentin war und bereits für einen anderen Verlag gearbeitet habe, bin ich eher aus Tradition zur Buchmesse gegangen. Auch Anfang der 2000er war die Buchmesse in Frankfurt für mich sehr wichtig und die Leipziger Buchmesse eher „nett“. Das hat sich wirklich zugunsten von Leipzig verändert, ganz eindeutig. Die großen Geschäftskontakte, die man in Frankfurt vielleicht einmal knüpfen konnte, haben stark nachgelassen und Leipzig hat frühzeitig erkannt, dass es mehr Sinn ergibt, auf das Publikum zu setzen. Der direkte Kontakt zu den Leser*Innen hat spürbar an Bedeutung gewonnen. Wir machen so viele Veranstaltungen wie nie zuvor.

Um einmal daran anzuknüpfen: Werden Sie auch Lesungen im Rahmen der Buchmesse organisieren? Wenn ja, dann in Zusammenarbeit mit dem Literaturfestival »Leipzig liest«?

Genau, wir werden dieses Jahr zehn Veranstaltungen im Rahmen der Messe machen, an ganz unterschiedlichen Orten wie dem Ariowitsch-Haus oder dem MdbK. Wir nehmen auch an der »Langen Nacht der unabhängigen Verlage« teil, welche leider zum letzten Mal stattfindet, da die Finanzierung nicht mehr gesichert ist.
Ich schätze die Orte außerhalb des Messegeländes, denn auf der Messe können nur hartgesottene Autor*Innen lesen. Die Geräuschkulisse und das Kommen und Gehen kann durchaus belastend sein – da darf man nicht zu sensibel sein.

Jetzt haben Sie von einigen positiven Aspekten Ihrer Arbeit berichtet. Zum Schluss jedoch noch einmal eine schwierige Frage: Was denken Sie, wieso Antisemitismus wieder verstärkt auftritt? Wie kann man dem als Einzelperson entgegenwirken?

Eine wichtige Frage. Offensichtlich fallen Tabus – ich glaube nicht, dass es mehr Antisemitismus gibt, er wird nur wieder lauter. Ich persönlich bin der Meinung – vielleicht bin ich da auch etwas nihilistisch – dass der Antisemitismus immer da war, aber man hat sich jahrzehntelang nicht getraut, die Dinge auszusprechen. Auf einmal, ganz klar im Zusammenhang mit den sozialen Medien, hat sich der Tonfall verändert und die zwischenmenschliche Aggression gesteigert. Tabus werden eingerissen.
Was kann man individuell nun machen? Ich fände es wichtig, wenn jeder ein Bewusstsein dafür haben oder entwickeln würde, wie schnell bestimmte, sicher geglaubte Errungenschaften ins Wanken geraten können. Einer unserer Autoren, Julius Schoeps, hat im letzten Herbst das Buch Düstere Vorahnungen veröffentlicht, worin er die Situation der Juden zwischen 1930 und 1935 in Deutschland beschreibt. Als ich das Buch gelesen habe, musste ich mir die Frage stellen: »Nora, in welchem Jahr lebst du eigentlich gerade? Ach ja, 2018«, denn ich las von Ereignissen und Mechanismen, die mir plötzlich wieder so nah erschienen.
Die Beschäftigung mit Geschichte ist sehr wichtig. Wir müssen das Bewusstsein erlangen, dass all das, was wir in der Bundesrepublik Deutschland erreicht haben, und selbst der Rahmen, mit dem unsere Gesellschaft durch das Grundgesetz abgesteckt ist, keine Ewigkeitsgarantie hat. Genau diesen Zustand muss man immer wieder aufs Neue verteidigen.

Vielen Dank!

Haus des Buches © Zarah Sorger

 

Beitragsbild: Dr. Nora Pester (links) mit Wilma Schütze (rechts) im neuen Büro im Haus des Buches © Zarah Sorger


Interview:

 

 

 

Zarah Sorger

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