»Helden und Retter«

Marcel Reif spricht im Ariowitsch-Haus mit Reinhard Bärenz über seine Biografie.

Der Saal im Ariowitsch-Haus leuchtet und glänzt verheißungsvoll. Etwa 70 vorwiegend Fußball interessierte Männer und Frauen haben sich hier weit vor Beginn der Lesung eingefunden. Sie unterhalten sich angeregt und schweigen dann plötzlich, als Marcel Reif vor ihnen auf die Bühne tritt. Reif hat, nachdem er 1984 vom politischen Journalismus zum Sport wechselte, über Jahrzehnte die Fußballberichterstattung in Deutschland geprägt. Jeder Bundesligafan hat seine Stimme bereits im Ohr, aber es ist etwas Besonderes, ihn live vor Ort sprechen zu hören – und das nicht nur über den Sport.

Das Ariowitsch-Haus ist das Zentrum jüdischer Kultur in Leipzig. Religiöse Motive schmücken den großzügigen Raum und geben ihm so ein spezielles Ambiente. Marcel Reif hat einen persönlichen Bezug dazu. Er ist Sohn eines jüdischen Vaters, der im Holocaust nur knapp dem Tod entkam. Gerettet wurde er von Berthold Beitz, heute einer der wenigen Persönlichkeiten, für die Reif den Begriff »Held« verwendet. Die Begegnung mit ihm bleibt der einzige Auszug, den er aus seinem Buch vorliest. Es folgt keine weitere Seite, denn er erzählt sonst lieber, und das gut. Das Publikum hört ihm gebannt zu und bekommt eine Ahnung, wie berührend dieses Treffen für ihn war, wenn einem so wortgewandten Mann wie ihm bis heute die Sprache fehlt. »Das war zu groß«, sagt er bedächtig.

© Maurice Haas
© Maurice Haas

»Held« nutzt er in Bezug auf Fußball daher selten bis nie. Gleichwohl liegt es ihm fern, die Bedeutung dieses Spiels zu unterschätzen. Reif selbst sagt klar: »Der Fußball hat mich gerettet.« Als er als Junge mit seiner Familie von Polen nach Tel Aviv und schließlich nach Kaiserslautern zog, konnte er kaum einen Brocken Deutsch, sein Lehrer wollte ihn zum dritten Mal die erste Klasse wiederholen lassen. »So eine Panik hatte ich in meinem ganzen Leben nicht mehr«, berichtet er ehrlich. Seine Mutter meldete ihn aus »purer Not« und »mütterlichem Instinkt heraus« im Verein der Stadt an und er lernte wieder, dass er etwas wert war: »Wie gut ich Deutsch sprach, war nicht wichtig. Solange du der Mannschaft hilfst, ist es egal.« Und »Wenn du bei Kaiserslautern spielst, auch schon als 14-Jähriger, dann kennen dich die 12-Jährigen und als 16-Jähriger kennen dich die 14-Jährigen«, fügt er mit einem humorvollen Zwinkern hinzu und entlockt dem Publikum Lacher.

45 Minuten, eine ganze Halbzeit lang, erzählt Reif über seinen Beruf, Kollegen und Kritiker, seine Sicht auf die Lage des Fußballs, aber auch Privates. So gibt er einen guten Querschnitt seiner Biografie, der neugierig macht, mehr zu erfahren. Auch nach Ende seiner Kommentatorenkarriere versteht es Reif, mit Worten umzugehen und das Publikum zu seinen Zuhörern zumachen. Dieses dankt ihm für den interessanten und unterhaltsamen Abend mit anhaltendem Applaus.

Beitragsbild: Marcel Reif (links) und Reinhard Bärenz (rechts) während der Lesung. © Anja Kalz


Die Veranstaltung: Marcel Reif liest aus Nachspielzeit – Ein Leben mit dem Fußball, Moderation: Reinhard Bärenz, 23.3.2017, 18 Uhr

Das Buch: Marcel Reif mit Holger Gertz: Nachspielzeit – Ein Leben mit dem Fußball. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, 240 Seiten, 19,99 Euro


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Die Rezensentin: Anja Kalz

 


 

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