Hashtags in der Badewanne

Nora Gomringer und Martin Beyer stellen eine Sammlung von Gedichten »für immer und alle« vor.

© Voland & Quist

Muss die Poesie gerettet werden? »Nö«, sagt Nora Gomringer. »Wir brauchen nur eine Erinnerung, was Poesie alles sein kann.« Genau diese Erinnerung soll die von Gomringer gemeinsam mit Martin Beyer im Verlag Voland & Quist herausgegebene Anthologie »#poesie« sein. Sie versammelt poetische Texte aller Coleur: Ernst Jandl, ein Vertreter der konkreten Poesie, ist genauso vertreten wie der Hip-Hop- und Reggae-Musiker Peter Fox. Dazu Gegenwartslyriker, Poetry-Slammer und Rapper. Alle vertretenen Texte seien mit thematisch passenden Hashtags versehen, um »Spuren des Verstehens, Weiterdenkens, Assoziierens« zu legen, wie Beyer im Gespräch in der voll besetzten LVZ-Autorenarena erklärt. Außerdem könnten Leser durch die Hashtags »Teil eines Spiels, einer Community in den sozialen Netzwerken« werden, ergänzt Gomringer. Richtet sich die Anthologie also vor allem an jüngere Leser? Sie sei gegen »Ageism«, also die Diskriminierung aufgrund von Alter, sagt Gomringer. Die Gedichte in der Anthologie seien passend für jedes Alter und für jede Gelegenheit. »Für immer, für alle.«

Trotzdem ist am verschneiten Messefreitag das Publikum in der LVZ-Autorenarena zum überwältigenden Teil augenscheinlich älter als 60. Vielleicht liegt das daran, dass sich direkt vor dem Gespräch über »#poesie« Friedrich Christian Delius ausführlich über sein Leben und die eigene Großartigkeit ausgelassen hat und ein großer Teil seines eher älteren Publikums einfach sitzen geblieben ist. Das Prinzip »Hashtag« ist den meisten unbekannt und muss erklärt werden. Beim Signieren nach der Veranstaltung kündigt eine Leserin freudig an, sie werde das Buch ihren Enkeln zeigen.

Nora Gomringer. © Judith Kinitz

Zu wünschen wäre dieser Anthologie, dass sie ihren Weg auch direkt zu jüngeren Lesern findet – besonders, da Gomringer von ihren Erfahrungen in Schulen erzählt: Die Altersgruppe von 13 bis 21 sei häufig überraschend konservativ und verstehe Lyrik als angestaubte Form, die sich ausschließlich über Reime definiert. Vielleicht muss die Poesie also doch gerettet werden – vor allzu engen Definitionen und vor dem Desinteresse derer, die sie vermitteln und »Gedichte-Traumata« in der Schule verursachen, wie Gomringer es formuliert.

Der Moderatorin Nadine Marquardt gehen gegen Ende der Veranstaltung sichtlich die Fragen aus. »Schreiben Sie von Hand oder am Computer?«, fällt ihr noch ein, und es ist an den Gästen, die Veranstaltung zu einem unterhaltsamen Ende zu bringen. Vor allem Nora Gomringer merkt man dabei ihre Bühnen- und Interviewerfahrung an, Martin Beyer sitzt neben ihr und nickt.

Ob das klassische Buch das beste Medium ist, um eine jüngere, Hashtag-affine Leserschaft zu erreichen, bleibt in der Veranstaltung offen. Wäre ein Online-Projekt nicht effektiver? Vermutlich stehen dem Urheberrechtsfragen entgegen, die Gomringer und Beyer auch verbieten, viele der Texte in der Anthologie öffentlich vorzutragen. Einen Vorteil hat das Buch aber ganz sicher, wie Gomringer anmerkt: Man kann es gefahrlos mit in die Badewanne nehmen – und hat mit der Anthologie Texte für alle Stimmungslagen, sodass man die Badewanne eine ganze Weile nicht mehr verlassen muss.

Beitragsbild: Nora Gomringer und Martin Beyer wollen dem Publikum Poesie näherbringen. © Ansgar Riedißer


Die Veranstaltung: #poesie. Moderation: Nadine Marquardt, LVZ Autorenarena, 16.3.2018, 13.30 Uhr

Das Buch: Nora Gomringer, Martin Beyer (Hrsg.): #poesie. Dresden 2018, 128 Seiten, 20,00 Euro


 

Der Rezensent: Ansgar Riedißer

 

 


 

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