Hart aber zärtlich

Frau Kopf liest mit Katze, Kriesel, Chesterfields, Rhabarberschnaps und Wein in der Ratstonne der Moritzbastei aus ihrem zweiten Buch »Brachialromantik«.

Die Ratstonne ist klein und kalt, spärlich bestuhlt und schummrig beleuchtet. Hier ist also die Lesung der leider eher unbekannten Frau Kopf, zwischen »Bio-Fasching« und »WGT-Preopening-Party«, zwei Wochen später als ursprünglich angesetzt. Die Tür geht zu, eine blonde Frau tritt auf, die sich als »Frau Kopfs Katze« Jolla vorstellt. Sie rappt zur Eröffung des Abends – O-Ton: »Mein Glas ist immer voller als deins!« Das Publikum ist peinlich berührt, hat aber trotzdem seinen Spaß.

Frau Kopf. © Caroline Heysel

Ohne Umschweife setzt sich Karsten Kriesel auf die braune Ledercouch ins Scheinwerferlicht. Er freut sich, da es »diese Konstellation auch schon vor zwei Jahren so gab« und beginnt seine eigenen Texte zu lesen. Der Journalist und Dramaturg erzählt von Konzerten und Auftritten, die er besuchte. Als Zuhörer – oder »Leser«, wie er das Publikum nennt – lernt man, dass es sich mit Turnbeuteln schlecht pogen lässt und Legida das Duo Elsterglanz als gute Systemkritiker bezeichnet. Nach einer halben Stunde verabschiedet er sich, er müsse noch zu einem Konzert.

Fliegender Wechsel. Frau Kopf nimmt seinen Platz auf der Couch ein und ihre Katze neben ihr. »Ich les‘ einen und dann machen wir Raucherpause«, kündigt sie dem Publikum an und zündet sich vorher schon eine Zigarette an. Sie als Künstlerin könne ja erstmal alles. Die Autorin liest den ersten von zehn Texten an diesem Abend und erschafft mit ihrer Lesart eine Stimmung zwischen Herzschmerz und Glücklichsein.

Nach der Pause erklärt Frau Kopf, dass sie manchmal hart und manchmal zart schreiben würde. Was dem geschuldet ist, dass sie eigentlich eine Romantikerin sei, aber immer verletzt werde. Womit sie gleichzeitig auch den Titel und die Idee zu ihrer Textsammlung »Brachialromantik« erklärt. Es wird weiter gelesen von Kopf und auch Katze, ein paar persönliche Geschichten werden zum Besten gegeben: »Wir sind hier ja eine Therapierunde.« Sie schreibt von »Endlichküssen«, tropfenden »Menschensäften« und »Sybille«. Es wird gefragt: »Kann man diese beschissene Welt bewegen?« Antworten gibt es nicht, aber Rhabarberschnaps.

Frau Kopf und Jolla geben dem Zuhörer das Gefühl, man kenne sie schon lange und sei in ihrem Wohnzimmer. Der letzte Beitrag des Abends über Liebe in Leidenszeiten berührt und schmerzt, aber lässt einen doch etwas glücklicher als vorher zurück: »Man realisierte und war trotzdem glücklich.« Das aus unterschiedlichen prosaähnlichen Texten bestehende Buch »Brachialromantik« ist ein Werk für Träumer und Realisten, die sich nicht vor ihren Gefühlen fürchten. Eine Lesung von Frau Kopf wie ein Besuch bei guten Freunden, mit viel Tiefgang. Wenn man danach gegen halb elf in die kalte Nacht entlassen wird, denkt man zwangsläufig an eine ihrer Zeilen: »Macht doch mal weniger Mittel und mehr Mega.«

Beitragsbild: Frau Kopf (links) und Katze Jolla (rechts). © Caroline Heysel


Die Veranstaltung: Kopfkultur – Frau Kopf liest aus ihrem Buch Brachialromantik mit 2–3 Überraschungen, Moderation: Katze Jolla, 9.2.2018, 20 Uhr

Das Buch: Frau Kopf: Brachialromantik. Edition Outbird, Gera 2017, 162 Seiten, 9,90 Euro, E-Book 4,99 Euro


 

 

Die Rezensentin: Caroline Heysel

 


 

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