Hamburgs Lichter

Open-Mike-Gewinner Jens Eisel und die L3

von Tim Reischke

Hafenlichter Cover

Während ein Geburtstagslied aus den Boxen klingt, beginnt die nächste Runde der Langen Leipziger Lesenacht in der Ratstonne. Autor Jens Eisel nimmt zusammen mit seinen Schriftstellerkollegen Florian Wacker und Anke Stelling auf der Bühne Platz. Anlässlich des zehnten Jubiläums der L3 reihen sich unter den Mikrofonen kleinen Kuchenförmchen aneinander, aus denen bunte Buchstaben ragen und die Worte: Happy Birthday bilden.

Die Autoren sitzen auf schweren, gepolsterten Holzstühlen. Wacker und Stelling trinken Wasser, während vor Eisel ein Bier steht. Er ist ein großer, schlanker Kerl, komplett in schwarz gekleidet. Ein Nasenstecker reflektiert das Licht der Scheinwerfer, als er in „Hafenlichter“ bis zur markierten Stelle blättert. Der Umschlag des Buchs ist an einigen Stellen eingerissen – wahrscheinlich war es zuletzt oft im Gebrauch.

Moderatorin Ulrike Feibig stellt Eisel kurz vor, dann raunt er ein „Guten Abend“ ins Mirkofon und liest die Geschichte „Brüder“. Darin berichtet ein Ich-Erzähler von seinem Freund David (ein Boxer), den der Tod seines Bruders aus der Bahn wirft:

»… Morgen wird er beerdigt«, sagte er, »er hat sich einfach aufgehängt.«

Solche Szenen sind typisch für Eisels Geschichten. Sie werfen einen flüchtigen Blick in die Welt der Charaktere und begleiten sie an entscheidenden Wendepunkten ihres Lebens. Oft geht es um verpasste Chancen, um Verlust, aber auch um Glück und Pech, die eng miteinander verstrickt sind. Hamburg ist dabei der Fixpunkt, der die Stories zusammenhält. Mit einem einfachen Erzählstil und prägnanten Sätzen umreißt Eisel Szenerien, die sich oft in der Nähe der Reeperbahn, in Kneipen, Werkstätten oder Boxhallen abspielen.

Das Publikum lauscht der Geschichte. Dabei wird Bier, Wein, Cola oder Tee getrunken, fast wie in einer der Kneipen aus „Hafenlichter“:

„Als David die Tür öffnete, erschrak ich. Sein Gesicht war bleich, und er sah mich an, aber es war, als würde er durch mich hindurchsehen.“

Schaut man in Eisels Biografie, könnte er selbst eine Figur aus seinen Geschichten sein. Der gelernte Schlosser war in vielen Gelegenheitsjobs tätig, bevor er am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studierte. 2013 gewann er mit seiner Erzählung „Glück“ den Open Mike (Nachwuchswettbewerb für Prosa und Lyrik). Es ist wohl die Authentizität aber auch die Schonungslosigkeit, mit der Eisel den Leser auf wenigen Seiten von seinen Protagonisten überzeugt. Man hat das Gefühl, er weiß genau, über wen er schreibt. Dass der ErzählHafenlichter Lesungband trotz der 17 Geschichten nur aus ca. 140 Seiten besteht, soll nicht vom Lesen abschrecken. Die exakten Schilderungen sind es, die die Texte besonders machen. Nicht zuletzt, weil es lose Überschneidungen zwischen den Stories gibt und Figuren mehrfach auftauchen, entsteht der Eindruck eines in sich stimmigen Kosmos. Jede Erzählung kann für sich stehen, doch in Summe sind sie mehr, als nur das Produkt ihrer Teile.

Nach einer Viertelstunde liest Eisel den letzten Satz: »Pass auf dich auf«, sagte ich, und David nicke und stieg in die Bahn. Er bedankt sich und während das Publikum noch applaudiert, steht Florian Wacker schon in den Startlöchern.

Im Grunde ist die L3 wie „Hafenlichter“. Sie zeigt den Zuschauern kurze Episoden aus dem Leben interessanter Personen. Hier stehen die Geschichten im Mittelpunkt, die überraschen und unterhalten wollen. Diejenigen, die auf den Geschmack gekommen sind und erwägen in Jens Eisels Hamburg zurückzukehren, sollten es tun – denn dort gibt es noch so einiges zu entdecken.


 

Buch: Jens Eisel; Hafenlichter – Stories; Piper; 16,99 €; 144 Seiten

Lesung: Lange Leipziger Lesenacht (L3); Jens Eisel (Autor), Florian Wacker (Autor), Anke Stelling (Autor), Ulrike Feibig (Moderation); Moritzbastei, Ratstonne; 12. März 2015; 22:00 – 23:00 Uhr

http://www.piper.de/buecher/hafenlichter-isbn-978-3-492-05665-6

http://www.jenseisel.de/

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