Halbvergessener Aufstand und verlorene Väter

Ein Roman zum halbvergessenen Volksaufstand 1953 im Forum Literatur.

Es dauerte einige peinliche Minuten, bis das Mikrofon laut genug war, um mit der im Hintergrund tosenden Masse konkurrieren zu können. Das Forum Literatur auf der Messe ist gut gefüllt. Inmitten der Halle 4 hat man rote Wände aus Pappe hochgezogen, ein kleines Podest gebaut und erstaunlich bequeme Stühle bereitgestellt. Es ist ein friedliches, kleines Separee inmitten der Massen. Viele Besucher haben bereits ein oder mehrere Bücher des Autors auf dem Schoß und hoffen auf ein Autogramm nach der Lesung. Schließlich ertönt Titus Müllers Stimme klar und deutlich aus den Lautsprechern in den roten Pappwänden. Er klingt geübt, sicher und spricht beinahe völlig frei. Nur kurz wandern die Augen zu dem Buch in seiner Hand.

© Blessing Verlag
© Blessing Verlag

Er beginnt die Lesung ebenso wie seinen neuen Roman »Der Tag X«: Eines Nachts im Oktober 1946 zerren russische Soldaten den Vater der 10-jährigen Nelly aus seinem Haus. Ein Zug nach Russland wartet am Bahnhof auf ihn. Mutter und Kind können nach sechs Jahren Krieg den Gedanken nicht ertragen, jetzt noch nach Sibirien verschifft zu werden. So trennt sich die Familie unter Tränen. Ein Einstieg, der sowohl im Buch als auch auf der Lesung Lust auf mehr weckt. Eine verwobene Geschichte aus Familiendrama, Liebesgeschichte und einem echten Spionagefall beginnt. Alles konzentriert sich um den halb vergessenen Volkaufstand 1953, den besagten Tag X.

Zwischen den gelesenen Passagen erzählt Müller immer wieder von seiner Recherche mit Historikern und Spionageexperten. Auch aus seiner eigenen Jugend in der DDR bringt er kurze Anekdoten an, beispielsweise, wie seine Lehrerin ihn während des Fahnenappels zur Seite nahm. Sie empörte sich darüber, dass er der einzige Junge sei, der nicht in das Bild der blauweißen Pionier-Hemden passe. Es sind solche kleinen, alltäglichen Schikanen, die ihm lebendig im Gedächtnis geblieben sind. Diese beklemmenden Momente eigener Erfahrung als Pastorensohn sind ohne Zweifel in den Roman geflossen.

Eine gute halbe Stunde lauschen alle gebannt dem Autor und wünschen, es wäre mehr Zeit, um ihn und sein Buch näher kennenzulernen. Ein Trost sind vielleicht die zahlreichen Autogramme, die Müller zum Schluss mit einem Lächeln vergibt.

Beitragsbild: Autor Titus Müller © Sandra Frick


Die Veranstaltung: Titus Müller liest aus Der Tag X, 25.3.2017, 11 Uhr

Das Buch: Titus Müller: Der Tag X. Karl Blessing Verlag, München 2017, 400 Seiten, 19,99 Euro, E-Book 9,99 Euro


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Der Rezensent: Georg Heinke

 

 


 

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