Gemeinsam Gedichte schreiben

Jean-Claude Lin über die Kunst des Haiku.

Im Japan des 18. Jahrhunderts war es üblich, die Gäste aufzufordern, ein kurzes Gedicht aufzuschreiben. Die Regeln waren einfach: Der erste Gast schrieb 17 Silben in der Reihenfolge fünf-sieben-fünf, die einen Bezug zur aktuellen Jahreszeit aufwiesen. Der nächste Gast fügte nun dem Teil seines Vorgängers zwei Mal sieben Silben hinzu, ehe eine dritte Person wieder in 17 Silben ergänzen konnte. Gedichte schreiben als gemeinsames Event.

© Verlag Freies Geistesleben
© Verlag Freies Geistesleben

Jean-Claude Lin erzählt viel über die Kunst und den Aufbau eines Haiku, ehe er ein solches vorliest. Zuerst auf Japanisch, dann auf Deutsch. »Durch den Widerhall hört man die Silben nur schwer heraus«, entschuldigt sich der Autor. Und gerade die sind in dieser Kunstform so wichtig. Denn im Japanischen werden lange Vokale als zwei Silben gezählt, während man im Deutschen nur eine Silbe zählt. Die Schwierigkeiten des Übersetzens erläutert Lin anhand eines Haiku der Dichterin Yuki Higano. Beim Übergang vom Japanischen ins Französische wurde die Bedeutung eines Wortes gravierend geändert. Aus »Atem der Kirschblüte« wird kurzerhand der »Duft der Kirschblüte«. Lin selbst habe die Worte beim Übersetzen sehr vorsichtig gewählt, um dem Leser selbst die Deutung zu überlassen.

»Ein Haiku entfernt die Fremdheit zum erlebten Moment und lässt eine Vertrautheit entstehen«, sagt Lin und erzählt, wie sein Gedicht »Mit schwerem Koffer//im Regen – zwei Taschen voll//nasser Walnüsse« entstand. Er sei auf dem Weg zur Frankfurter Buchmesse gewesen und habe sich die Spuren von einem Sturm angesehen. Besonders sei ihm ein Walnussbaum aufgefallen. Obwohl es regnete, steckte er sich die nassen Walnüsse in beide Manteltaschen. Dieser Moment sei ihm erst fremd vorgekommen, dann habe er ihn in einem Haiku wiedergegeben und mit Freude an den Tag zurückgedacht.

Kann man einen Augenblick in nur 17 Silben festhalten? Man kann, auch wenn man nach dem Lesen eines Haiku vielleicht das Gefühl hat, es müsse noch weitergehen. Denkt man an den Ursprung dieser Kunst zurück, ergibt das auch Sinn. Immerhin schrieb man früher gemeinsam Gedichte.

Beitragsbild: Jean-Claude Lin. © Caroline Christen


Die Veranstaltung: Heimkehren: die Kunst des Haiku, mit Jean-Claude Lin, Leipziger Buchmesse, Halle 3/E201, 26.3.2017, 12.30 Uhr

Das Buch: Jean-Claude Lin: Heimkehren: Die Kunst des Haiku. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2017, 109 Seiten, 17 Euro


 

 

Die Rezensentin: Caroline Christen

 


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