Fußball-Slam trotz Deutschland-Aus

Auch wenn es bei dem einen oder anderen Gast einen wunden Punkt getroffen haben mag, veranstaltet das Team von TIPSlam passend zur aktuell laufenden Fußball-Weltmeisterschaft den Fußball Slam am 29. Juni 2018 im Beyerhaus Leipzig.

Als ich den großen Saal betrete, ist dieser, bis auf das Barpersonal, noch verlassen. Ich schaue mich verwundert um, doch entdecke im Hinterhof schnell eine bestuhlte Terrasse mit einer Bühne darauf. Der Aufbau erinnert an ein Public Viewing, was die Atmosphäre des heute stattfindenden Fußball Slams authentischer macht. Neben der Bühne sitzen bereits einige der Teilnehmer bei Wein oder Bier und unterhalten sich angeregt darüber, wer dieses Jahr wohl den Fußball-Weltmeistertitel holt. Nach und nach kommen immer mehr Menschen zur Veranstaltung, und das, obwohl Deutschland erst vor wenigen Tagen ausgeschieden ist. Kurz vor Beginn ist die Terrasse gut gefüllt und das Publikum besteht fast ausschließlich aus Studenten, Freunden der Teilnehmer und, zu meiner Verwunderung, zu einem Großteil aus weiblichen Zuschauern.

Die Moderatorin Josephine von Blueten Staub. © Tyra Schnicke

Die Veranstaltung beginnt mit einer kleinen Verspätung und wird mit einem Abseits-Erklärungsversuch der Moderatorin Josephine von Blueten Staub eingeleitet. Anschließend folgen einige Lieder des Musikers Morty Sanchez und eine Schilderung des Ablaufs des Poetry-Slams. Der Abend ist in zwei Runden aufgeteilt, wobei alle sieben Teilnehmer in der ersten Runde in drei Gruppen gegeneinander mit einem Text über Fußball antreten und die drei Gewinner anschließend in der zweiten, finalen Runde über ein selbst gewähltes Thema vortragen können. Den Anfang macht Samson, der mit seinem Text über ein Fußballspiel mit seinem Mitbewohner in einer Kneipe eine Menge Gelächter auf sich zieht, sich aber dennoch nicht gegen seine Mitstreiterin Inga Hilbig durchsetzen kann, die mit dem Poetry-Slam »Leiden des jungen Schalkers« als erste Finalistin feststeht. In der zweiten Gruppe treten Marvin Weinstein mit seinem Text »Fußballgott«, Christian Kreis mit einer Rezension über all seine miterlebten Fußball-Weltmeisterschaften und Jan Schmidt mit seinem bereits bekannten Slam über ein Freundschaftsspiel zwischen Schweden und Brasilien an, wobei sich Marvin als Gewinner der ersten Runde durchsetzen kann. Die letzten beiden Poeten am Abend sind Werner Mattke, der an diesem Abend sein Bühnendebüt mit einem Text über ein Fußballspiel seiner Kindheit feiert und Jessy James LaFleur, die mit einer emotionalen Kritik an der FIFA als dritte Teilnehmerin ins Finale ziehen kann.

Der Gewinner Marvin Weinstein. © Tyra Schnicke

Nach einer kurzen Pause und etwas Musik geht es in die letzte Runde, in der die Finalisten Inga, Marvin und Jessy mit ihrem Text um den Sieg, sowie eine Flasche Sekt und einen selbstgestalteten Stoffbeutel, der vom Publikum mit Kleinigkeiten aus den Taschen befüllt wird, kämpfen. Jessy beginnt und hat erneut das Thema Fußball gewählt. In ihrem Text behandelt sie den Druck im Profifußball und geht auf zwei Spieler ein, die sich aufgrund dessen das Leben genommen haben. Etwas aufgelockerter sind die Themen der beiden anderen Teilnehmer. Marvin rezitiert einen Text über die Sinnlosigkeit der Silvesternacht und Inga spricht über eine Story aus ihrem Leben, welche den Titel »Das Scheitern« trägt.

Die Gewinnerin Jessy James LaFleur. © Tyra Schnicke

Letzten Endes kann sich das Publikum jedoch nicht auf einen Gewinner festlegen, weshalb sich Jessy und Marvin den Preis teilen, da sie sowieso in derselben Straße in Berlin wohnen. Nicht nur mit dieser Geste verdeutlichten die Teilnehmer, dass es ihnen nicht um den Sieg, sondern um einen freundschaftlichen, literarischen Wettstreit geht. Den ganzen Abend lachen sie viel miteinander oder umarmen sich zur Begrüßung und zum Abschied herzlich, wodurch ein sehr familiärer und sympathischer Eindruck bei den Zuschauern entsteht.

Beitragsbild: Der Musiker Morty Sanchez und die Poetry-Slammer Samson, Jessy James LaFleur, Marvin Weinstein, Inga Hilbig, Christian Kreis, Werner Mattke und Jan Schmidt (von links nach rechts). © Tyra Schnicke


Die Veranstaltung: Fußball Slam, Moderation von Josephine von Blueten Staub und Jan Lindner, Musik von Morty Sanchez, Beyerhaus Leipzig, 29.6.2018, 20 Uhr


 

Die Rezensentin: Tyra Schnicke

 

 


2 Gedanken zu „Fußball-Slam trotz Deutschland-Aus

  1. Eine Unsauberkeit, die jedem der genannten Slammer übel aufstoßen wird, ist die Formulierung „einen Poetry Slam rezitieren“ o.ä. – der Poetry Slam ist die Veranstaltung, gelesen werden da Texte. Klingt kleinlich, stört aber tatsächlich, wenn man das erstmal drin hat. Das funktioniert wohl wie „wie/als, dass/das“ und alle sonstigen gängigen, an sich verkraftbaren Fehler im Sprachgebrauch 🙂

    1. Lieber Bostock,
      1.000 Dank für deinen Hinweis! Das klingt überhaupt nicht kleinlich und wir haben die Ungenauigkeit direkt ausgebessert.
      Viele Grüße vom Leipzig-lauscht-Team

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