Fuck you Europa, aber jetzt wirklich!

Mit einer absurd komischen Performance zeigt Marina Frenk ihre Sicht auf Europa, nicht ohne für Verwirrung zu sorgen.

Die Schaubühne Lindenfels ist ein schönes Theater. Allein der Ballsaal ist aufwendig restauriert worden, normalerweise sitzt hier das Publikum. Doch ehe man auf einem der ordentlich aufgestellten Stühle Platz nehmen kann, wird man hinter einen großen schwarzen Vorhang geführt, der die Bühne von den Zuschauerreihen abtrennt. Auf Kartons und Kissen darf man sich niederlassen. So entsteht ein Halbkreis um eine Frau, die eine Maske trägt. Ein ungewöhnlicher Beginn für eine Lesung. Das Publikum ist anfangs ein wenig unruhig, darum beginnt die Performance mit leichter Verspätung.

»Papa ich muss dir etwas sagen«, legt die Schauspielerin Marina Frenk plötzlich los und zieht die Maske nach oben. Dann springt sie auf und startet einen stürmischen Monolog. Er handelt von einem Moldawien, das ebenfalls von einem Vorhang abgetrennt wird, und zwar von Europa. Dieses Land gehört damals noch zur Sowjetunion und es wird Russisch gesprochen. Genau hier wächst Frenk auf. Hektisch geht sie umher, ihre Stimme überschlägt sich und es fällt schwer ihrem Redefluss zu folgen. Sie erzählt von dieser Zeit, als ihre Eltern »nächtelang Sex hatten« und sie von ihrem wenigen Geld die tollen Bonbons aus »EUROPA« kaufte und dann besonders lange kaute, um den Geschmack zu genießen.

Sie spielt das so anschaulich und gleichzeitig so vulgär, dass sie zunehmend sympathischer erscheint. Frenk wirkt jung und rebellisch, wettert gegen alte Babuschkas am Busbahnhof, gegen Behörden, gegen alles und jeden. Sie spricht mal mit Mikrofon, mal ohne. Damit personifiziert sie perfekt die schizophrene Gesellschaft, die trotz politischer Gehorsamkeit hinter vorgehaltener Hand mit einer Vielzahl von Kraftausdrücken schimpft.

Als Frenk dann während der Performance niederkniet und die Moldawier persifliert, indem sie sich selbst mit Rosen schlägt und »Europa!« ruft, ist das Publikum vollkommen überzeugt. Dann erfolgt der Einschnitt. Das Licht geht kurz aus und wieder an. Frank wirft die Maske ab und holt einen Besen, um mal eben die zerbrochene Sowjetunion wegzufegen. Durch solche einfachen, fast schon naiven Darstellungen veranschaulicht sie das Geschehen auf eine ganz neue Art. Der Text zum Stück »FUCK YOU, Eu.ro.Pa! Fuck you Moldova!« stammt ursprünglich von Nicoleta Esinencu, die nach dem Mauerfall die Lage in Moldawien beschrieben hat. Der Text provoziert und wurde wohl auch deshalb mit dem rumänischen Dramacun-Preis ausgezeichnet. In Moldawien ist er jedoch verboten.

Marina Frenk verarbeitet auf diese Weise ihre Erfahrungen aus Moldawien. Plötzlich steht dann ihr Bruder Kostia Rapoport auf der Bühne und haut elektronische Töne raus, während Frenk schief die alten Volkslieder nachsingt, die die Geschwister auf ihrer Fahrt nach Deutschland gehört haben. Viel Nostalgie steckt in diesen Texten, auch wenn Frenk sie ganz anders nutzt. Dennoch überrascht es, dass darin von einem ganz anderen Europa die Rede ist. Keinem Europa der Menschenrechte und der Freiheit. Manchmal klingen die Worte fast verbittert, wenn Frenk von der Abspaltung Moldaus redet.

Im anschließenden Gespräch mit Esinencu erklärt diese, dass damals, während der ersten Begegnung mit Europa, vieles ironisch gemeint war. Auf die Frage, wie sie das heute mit Europa sehe, antwortet sie, dass es kein Europa mehr gibt. So offene Kritik verwirrt die Zuschauer dann doch. Die Schaubühne verlässt man mit gemischten Gefühlen. So hat man Europa noch nicht gesehen.

Beitragsbild: Marina Frank mit Maske in Europa. © Schaubühne Lindenfels


Die Veranstaltung: FUCK YOU, Eu.ro.Pa! / Fuck you Moldova!, von Nicoleta Esinencu und Marina Frenk mit Musik von the Real Baba Dunyah, Schaubühne Lindenfels, 25.3.2017, 20.30 Uhr


Lukas Hartl_908828_assignsubmission_file_Hartl_Profilbild_2016-11-04

 

 

 

Der Rezensent: Lukas Hartl


 

 

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