Frau Hoppe und die Angst

Felicitas Hoppe rauscht durch die Connewitzer Verlagsbuchhandlung wie ein Wirbelsturm.

© S. Fischer Verlage

»Ich glaube, wir haben eben live miterlebt, wie Felicitas Hoppes Literatur entsteht«, sagt Felicitas Hoppes Lektor Oliver Vogel zwei Minuten nach Beginn der Lesung verblüfft. »Wir haben die Realität und dann wird irgendwas umgedreht.«

Gerade hat Hoppe die Lesung eröffnet, indem sie – »Sie kennen ihn alle, wegen ihm sind Sie hier« – ihren Lektor vorgestellt und begonnen hat, ihm Fragen zu dieser Schriftstellerin Felicitas Hoppe zu stellen, die er ja lektoriere. Vogel, der eigentlich den Abend moderieren, also Fragen stellen und die Vorstellung übernehmen sollte, ist perplex. Felicitas Hoppe dagegen amüsiert sich sichtlich und hat schon jetzt eine komplizenhafte Beziehung zum Publikum aufgebaut, die sich den ganzen Abend über halten wird.

Tatsächlich ziehen sich solche Spiele mit Identitäten und Realitäten auch durch das Werk der Georg-Büchner-Preisträgerin. In ihrem Roman »Hoppe« erfand sie die eigene Biografie kurzerhand neu und erzählte ihre Lebensgeschichte als eine atemlose Reise durch die ganze Welt.

Für ihr neues Buch »Prawda« ist sie wieder gereist, auf den Spuren der sowjetischen Satiriker Ilja Ilf und Jewgeni Petrow, die in den 1930er Jahren Amerika bereisten und darüber den Reisebericht »Das eingeschossige Amerika« schrieben. Wie Ilf und Petrow besucht Hoppe in Amerika unter anderem die Ford-Werke in Detroit, ergänzt aber auch Stationen wie das Silicon Valley, die in den Dreißigern noch gar nicht als Reiseziele in Betracht kamen. Natürlich schreibt sie darüber aber keine sachlich-realistische Reisereportage, sondern erzählt in ihrer rasend schnellen, sprachverliebten Weise unter anderem davon, wie sich die Erzählerin von »Prawda« von einem Wirbelsturm im Mittleren Westen davontragen lässt.

Felicitas Hoppe. © Anita Affentranger

»Das mit der Wahrheit ist so eine Sache bei dir«, merkt Vogel vorsichtig an. Hoppe widerspricht: Sie habe »schon ein gewisses Faktenbewusstsein«. Allerdings sei es für sie nur durch fantastische Elemente möglich, die Wahrheit zu erhaschen: »Man weiß nie, wie es gewesen ist, die Erzählung verändert die Sache an sich und die Sache selbst ist unerreichbar.« Ihre Leserschaft kann von ihr keine festen Aussagen erwarten, nur zu »Begleitern meines Zweifels« werden.

Diese durchaus theoretischen Einlassungen präsentiert Felicitas Hoppe höchst unterhaltsam, spricht schlagfertig, in druckreifen Sätzen und setzt so geschickt Pointen, dass sie regelmäßig Lacher und Szenenapplaus erntet – undenkbar bei vielen anderen Autorenlesungen. Und am Ende der Lesung gelingt es Oliver Vogel doch noch, sie kurz sprachlos zu machen. Er habe im PDF von »Prawda« nachgezählt: 167 Mal komme das Wort »Angst« oder das englische Pendant »fear« im Text vor. Angst sei ihr bestimmendes Lebensgefühl, sagt Hoppe nach einer kurzen Pause, und das Schreiben ihr »Bannkreis, in dem man in Sicherheit ist«. Am Ende des Abends scheint auch das Publikum hinweggetragen im Wirbelsturm von Felicitas Hoppes Gedanken und verlässt die Lesung, um allein weiter nach der Wahrheit zu haschen.

Beitragsbild: Felicitas Hoppe brilliert im Zusammenspiel mit ihrem Lektor Oliver Vogel. © Ansgar Riedißer


Die Veranstaltung: Die Wahrheit über Amerika: Felicitas Hoppe auf Expedition, Moderation: Oliver Vogel, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, 17.3.2018, 20 Uhr

Das Buch: Felicitas Hoppe: Prawda. Eine amerikanische Reise. S. Fischer, Frankfurt am Main 2018, 320 Seiten, 20 Euro, E-Book 16,99 Euro


 

 

Der Rezensent: Ansgar Riedißer

 


 

Ein Gedanke zu „Frau Hoppe und die Angst

  1. Ein sehr schöner Bericht von der Lesung, genauso war es! Die Buchhandlung war so gut gefüllt, dass viele nur mit Sitzkissen auf der abschüssigen Treppe Platz nehmen mussten, ohne die Autorin zu sehen, sondern nur zu hören. Zum Glück gab es Wein von der Buchhandlung…

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