Fakenews im 17. Jahrhundert

Im jüdischen Kulturzentrum rollt Marek Tomans neuester Krimi »Die große Nachricht vom schrecklichen Mord an Šimon Abeles« den mysteriösen Fall um einen Kindestot im 17. Jahrhundert auf

Der betongrau gehaltene Saal des Ariowitsch-Hauses im Norden Leipzigs erscheint kühl und nur wenig einladend. Wie verlorene Farbklekse wirken eine halb versteckte Pflanze ganz vorne in der linken Ecke und einige Bilder an den Wänden, die von Flucht und Vertreibung erzählen. Die Beleuchtung ist gedimmt auf das Podest gerichtet, die Atmosphäre passt zum heutigen Thema.
Es geht um den in Marek Tomans Roman aufgegriffenen, undurchsichtigen Fall des Šimon Abeles, der »so etwas wie einen exemplarischen Fall von Vorurteilen, Antisemitismus, Polit- und Justizwillkür« darstellt. Ende des 17. Jahrhunderts wird der Jude Lazar Abeles des Mordes an seinem Sohn Šimon (gesprochen »Schimon«) angeklagt. Dieser wollte kurz vor seinem Tod zum Christentum konvertieren. Der Protagonist Herman, ein Drucker und konvertierter Christ, wird zu den Zeugenbefragungen als Schreiber hinzugerufen und muss die Flugblätter aufsetzen.

Flugblatt zum Fall Šimon Abeles. © Nina Lischke

Sein Versuch, möglichst wahrheitsgetreu zu berichten wird durch die Boulevard-Tendenzen seines geistlichen Vorgesetzten vereitelt. Krasse Nachrichten bringen viele Leser bringen viel Umsatz. Und: zielgerichtet gelenkte Menschen. Fakenews im 17.Jahrhundert. Bis heute ist unklar, wie genau Šimon starb. Fest steht jedoch, dass er von beiden Parteien beansprucht wird, als Märtyrer oder als jüdischer Junge, dessen Totenruhe nicht gestört werden darf.
Marek Toman verwebt den historischen Teil mit einem zweiten Handlungsstrang in unserer Zeit, in der der Anthropologe Ladislav mit der Untersuchung des Falls Šimon Abeles beschäftigt ist und dessen eigener Sohn, ebenfalls ein Šimon, unter seltsamen Umständen verschwunden ist. Die einzige Spur ist das umstrittene Computerspiel Battle Church, bei dem sich Juden und Christen in historischen Gefechten gegenseitig abmurksen und das der Sohnemann wie besessen spielte.
Die Veranstaltung ist weniger Lesung als Vortrag, in dem Bilder zu den im Buch auftauchenden Settings, alte Zeichnungen und Flugblätter zum Abeles-Fall gezeigt und erklärt werden. Der väterliche Moderator spricht mit klarer, verständlicher und beruhigend tiefer Erzählerstimme, führt das Publikum informativ durch den Abend und lässt dem Autor gleichzeitig genügend Raum, seine eigenen Ansichten zu dem historischen Kriminalfall darzulegen. »Die Geschichte spielt an der Schwelle von zwei Religionen«, meint Toman. Durch die Figur Herman wird diese Schwelle deutlich. Herman ist zwar Jesuit, sucht aber immer wieder den Kontakt zu seiner früheren Heimat, der Judenstadt. Er trägt die Rolle des Vermittlers, der von den Jesuiten aber nicht gewollt ist. Konfrontationsverhärtung ist das Ziel.
Der Krimi lässt die Skrupellosigkeit verschiedener Interessensvertretungen durchscheinen, die damals wie heute in verschiedenen Kontexten genutzt werden, um einer fanatischen Missionierung zu dienen. Leider verliert der zweite Handlungsstrang am Ende etwas seiner Glaubwürdigkeit, als eine rechtsradikale Bewegung die Prager Teynkirche stürmt und quasi das Computerspiel Battle Church real austrägt. Das Ende ist dagegen etwas blümchenhaft Friede-Freude-Eierkuchen: Der Sohn kommt zurück, die getrennten und zerstrittenen Eltern reden nach Monaten wieder miteinander, alle Probleme scheinen lösbar. Das kann aber nach den historischen Abscheulichkeiten erstaunlich entspannend sein. Die detailliert recherchierte Geschichte des Abeles-Falls wird zeitweise so gut mit den aktuellen Untersuchungen des Anthropologen verwoben, dass man beim Lesen zwischen beiden Jahrhunderten wechselt, als würde man durch eine Tür direkt vom 17. ins 21. Jahrhundert hinübertreten.
Auch wenn mir der Einstieg in »Die große Nachricht vom schrecklichen Mord an Šimon Abeles« schwer fiel, gewann das Buch mit jedem weiteren Kapitel an Intensität und brachte mich in philosophischen Gedankenspielereien zu Fragen wie: Was wäre, wenn der Mensch einfach mal von seiner Überzeugung an das »einzig Wahre« abrücken, andere Glaubensrichtungen, Ansichten und Grenzen akzeptieren und offen darüber reden würde? Ohne dem anderen das Seine aufzuzwängen? Wären wir dadurch nicht auch sehr viel weniger lenkbar? Oder: liegt genau darin das Problem?

Beitragsbild: © Nina Lischke


Die Veranstaltung: 22. März 2019, 18 Uhr: Lesung und Gespräch zu Marek Tomans »Die große Nachricht vom schrecklichen Mord an Šimon Abeles«


Das Buch: Marek Toman: Die große Nachricht vom schrecklichen Mord an Šimon Abeles. Aus dem Tschechischen übersetzt von Raija Hauck. Klagenfurth/Celovec 2019, 390 Seiten, gebunden, 24,90 Euro.


Die Rezensentin: Nina Lischke

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