»Es darf auch gelacht werden«

Moritz Netenjakob liest im Café Puschkin aus seinem Roman »Milchschaumschläger«.

Es ist wieder März in Leipzig, graue Wolken und Semesterferien-Tief. Aber war da nicht noch etwas? Ach ja, Buchmesse! Zugegeben, ich kann mir besseres vorstellen als bei Nieselregen zu einer Lesung auf der Karli zu gehen. Zum Beispiel per Last-minute-Flug zu verreisen. Aber was will man machen? Ich frage meine Mitbewohnerin, ob sie mich begleiten möchte. »Wird bestimmt lustig«, sage ich. Schlussendlich ist mein Versprechen ihr einen Drink auszugeben das überzeugende Argument.

Moritz Netenjakob. © Britta Schüßling
Moritz Netenjakob. © Britta Schüßling
© Kiepenheuer & Witsch
© Kiepenheuer & Witsch

Angekommen im Café Puschkin fällt sofort auf: Es ist voll. Im Gedränge zwischen bebrillten, Club-Mate trinkenden Menschen jeder Altersstufe und gestresst wirkenden Kellnerinnen suchen wir uns einen Platz. Ich hole mein Notizbuch hervor und fühle mich durchaus ein bisschen wichtig, so mit Presseausweis und Weißweinglas.

Der Autor verspätet sich. Den meisten Leuten scheint das auch nach zwanzig Minuten nicht die gute Laune zu verderben, während ich mir schon im Kopf die besten Formulierungen für eine vernichtende Kritik zurechtlege. Die Presse warten lassen. Geht gar nicht. Schließlich betritt Moritz Netenjakob die kleine Bühne mit einem fröhlichen Lächeln, das mein echauffiertes Kritikerherz viel zu sympathisch findet. Er wird vom Publikum mit Applaus empfangen und bemerkt scherzhaft zu Beginn: »Es darf auch gelacht werden«. Ach, so was. Und das bei einem Roman, der unter anderem im Genre »Humor« beworben wird. Zwei Minuten später muss ich mich zusammenreißen vor Lachen nicht in Tränen auszubrechen. Meine Mitbewohnerin kippt neben mir fast vom Stuhl. Ein paar Plätze hinter uns lacht eine Dame so laut, dass sich Autor und Publikum kollektiv umsehen um sich zu vergewissern, dass sie keinen Tod durch Ersticken erleidet.

Moritz Netenjakob liest mit Enthusiasmus und Ausdrucksstärke vor. Dabei sind die persönlichen Anekdoten, die er mit einbringt, fast noch lustiger als die von Daniel, der Hauptfigur aus dem Buch »Milchschaumschläger«. Daniel ist Werbetexter in Köln, kündigt jedoch seinen Job, um stattdessen mit seiner türkischen Frau Aylin ein Café zu eröffnen. Daniels Erlebnisse als gastronomischer Quereinsteiger sind eine Mischung aus Fiktion und Netenjakobs eigenen Erfahrungen als Café-Besitzer, die er in seinem dritten Roman verarbeitet. Darin berichtet er von Hipster-Studenten und türkischer Verwandtschaft, ausgestopften Eichhörnchen und Elfmeterschießen. Herrlich überspitzt und bizarr erscheinen die Geschichten, aber zweifelsohne urkomisch.

Moritz Netenjakob liest im gut gefüllten Café Puschkin. © Madeleine Kardetzky
Moritz Netenjakob liest im gut gefüllten Café Puschkin. © Madeleine Kardetzky

Der Applaus am Ende der Lesung ist laut und ich stimme mit ein, bis mir neben dem Bauch vom Lachen auch noch die Hände vom Klatschen wehtun. Aber es macht mir nichts aus, denn ich bin begeistert und der Rest des Publikums ebenfalls. Die gute Stimmung nehme ich mit auf den Nachhauseweg. Immer wieder überkommt mich ein plötzliches Lachen, wenn ich an Oma Berta, Onkel Abdullah und diese großartige Lesung zurückdenke.

Beitragsbild: © Madeleine Kardetzky


Die Veranstaltung: Moritz Netenjakob liest aus Milchschaumschläger, Café Puschkin, 23.3.2017, 20 Uhr

Das Buch: Moritz Netenjakob: Milchschaumschläger. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, 352 Seiten, 14,99 Euro, E-Book 12,99


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Die Rezensentin: Madeleine Kardetzky

 


 

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