Erdbeerenopfer statt Erdbebenopfer

Jochen Schmidt liest auf der Langen Leipziger Lesenacht in der Moritzbastei aus seinem neuen Roman »Zuckersand«.

© C. H. Beck
© C. H. Beck

Wäre die Welt mit Erdbeerenopfern in den Kindernachrichten nicht ein wenig süßer? »Ist es eine Leistung, als Pinguinpaar ein ganzes Leben zusammenzubleiben, wenn doch sowieso alle gleich aussehen?« Diesen und ähnlichen weltbewegenden Fragen geht der Berliner Autor und Journalist Jochen Schmidt in der Gedankenwelt eines Werbetexte schreibenden Vaters nach, der mit seinem zweijährigen Sohn Karl spazieren geht, um Mutter Klara abzuholen.

Als Mitbegründer der Berliner Lesebühne Chaussee der Enthusiasten hat Schmidt nicht nur ein unglaubliches Talent die verschiedenen Stimmen der Familienmitglieder nachzuahmen, wie ein Zuhörer und begeisterter Schmidt-Leser anmerkt, sondern auch genug Selbstbeherrschung, nicht in das Lachen einzustimmen, das in regelmäßigen Wellen durch den Gewölbekeller rollt. Die Perspektive des Vaters auf Alltagsbanalitäten und die Kunst, seine eigenen Gedanken immer wieder selbst zu kommentieren, bis er vom Salzstreuer auf den Altruismus kommt, amüsiert nicht nur. Sie zeigt auch, wie wenig Alltag im Alltag stecken muss, wenn man seine Fantasie auspackt. Dann wird eine Brille zur »anrührenden Behinderung« und ein Heiratsantrag kann, wenn möglich, so überraschend erfolgen wie ein Terroranschlag.

Die 20 Minuten Lesezeit erscheinen viel zu kurz und niemand im gut gefüllten Raum will wahrhaben, dass es jetzt schon vorbei sein soll. Angeregte Gespräche über Jochen Schmidt kommen auf, die Selbstreflexivität seiner Figuren wird gelobt. Ein Germanistikstudent vergleicht ihn sogar mit Loriot und Fußballspielen sei mit ihm, nebenbei bemerkt, auch viel amüsanter als gewöhnlich. Bleibt nur zu hoffen, dass man in Zukunft mehr von Erdbeerenopfern als von Erdbebenopfern hört.

Beitragsbild: © Tim Jockel


Die Veranstaltung: Jochen Schmidt liest zur Langen Leipziger Lesenacht in der Moritzbastei aus Zuckersand, Moritzbastei, 23.3.2017, 21 Uhr

Das Buch: Jochen Schmidt: Zuckersand. C. H. Beck, München 2017, 206 Seiten, 18,00 Euro, E-Book 13,99 Euro


 

 

Die Rezensentin: Maria Schendzielorz

 


 

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