Epische Fantasy statt epische Langeweile – Ein etwas anderer Fantasy-Roman

Jenny-Mai Nuyen liest auf der Leipziger Buchmesse aus »Die Töchter von Ilian«.

Bevor Nuyen mit der Lesung beginnt, nimmt sie sich Zeit für einige einleitende Worte. Sie erzählt, wie sie eher zufällig begann, sich mit den Anfängen der Menschheitsgeschichte zu befassen. Ihr Blick auf die ersten »Hochkulturen« ist dabei sehr originell: Der Beginn der Zivilisation – ein Sündenfall. Erst waren da nur die naturverbundenen Jäger und Sammler, dann wurden sie ausgelöscht von den Ackerbauern und Bergleuten.

Bergbau brauchte Sklaven, das abgebaute Metall machte Krieg möglich und der Ackerbau beutete die Natur aus. Nuyen versuchte zu erfassen, wie fremd sich diese Urmenschen gegenseitig gewesen sein mussten, als gehörten sie nicht alle zu einer Art. Diese Ausgangssituation wollte die Autorin in eine Fantasy-Welt übertragen.

© Nele M. Werner

In Nuyens Buch sind es dann die Elfen, die sich tief in den Wald zurückgezogen haben und noch »echte«, nicht domestizierte Nahrung essen. Die Zwerge hingegen betreiben Bergbau und regieren über die verschiedenen Menschen, sowohl die Kriegerischen als auch die Ackerbauern.

Auf den ersten Blick scheint »Die Töchter von Ilian«, von dieser Grundidee abgesehen, ein ziemlich durchschnittlicher Fantasy-Roman zu sein. Zwei Prophezeiungen bringen die Zwergen-Wyka Walgreta und eine Elfe auf Wanderschaft zusammen. Sie sind dazu bestimmt, magische Artefakte zu finden und das untergegangene Reich Ilian wieder auferstehen zu lassen. So wurde es prophezeit. Dazu brauchen sie natürlich – wie könnte es anders sein – einen Becher und eine Flöte: Epische Fantasy eben. Alles schon einmal gehört. Doch Moment … sagte ich Elfe? Ich meine Elf … oder doch nicht? Hier folgt Nuyen weniger abgelaufenen Wegen. Denn Fayanú, die Elfe, ist zwar körperlich eine Frau, fühlt sich aber als Mann, eine Trans-Elfe sozusagen.

Der Elf ist nicht allein. In Nuyens epischer Fantasy-Welt finden sich einige Figuren mit scheinbar modernen Problemen, ohne deplatziert zu wirken. Mauskin, der Händler, hat Albträume, vielleicht von einer posttraumatischen Belastungsstörung. In Walgreta, die sieben Jahre bei den Wykas gelernt hat und nun doch keine Hexe werden kann, findet sich in Zeiten zweifelhafter Job-Perspektiven wohl so manche Studierende oder Auszubildende wieder.

Von alldem verrät Nuyen bei ihrer Lesung wenig. Sie liest sehr klassisch den Prolog. Schade, denn gerade der gehört zu den schwächeren Passagen. Richtig stark wird der Roman, wenn man Nuyens Figuren kennen und lieben gelernt hat. Für alle, die bis dahin dran bleiben, hat Nuyen einen modernen Fantasy-Roman in einer ganz besonderen Welt vorgelegt.

Beitragsbild: Jenny-Mai Nuyen während der Lesung. © Nele M. Werner


Die Veranstaltung: Jenny-Mai Nuyen liest aus Die Töchter von Ilian, Buchmesse Leseinsel Phantastik 1, 22.03.2019, 11.30 Uhr


Das Buch: Jenny-Mai Nuyen: Die Töchter von Ilian. Fischer TOR, Frankfurt am Main 2019, 652 Seiten, 16,99 Euro, E-Book 14,99 Euro


 

 

 

Die Rezensentin: Nele M. Werner

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