Entwurzelt

Ada Dorian liest aus ihrem Debütroman »Betrunkene Bäume«.

»Beide verbindet eine ähnliche Isolation.« So fasst Ada Dorian zusammen, was die beiden Hauptfiguren Erich und Katharina in ihrem Roman »Betrunkene Bäume« eint. Erich, über 80 Jahre alt, lebt in einer kleinen Wohnung in Berlin. Sein aktives Leben als Forscher in den Wäldern der Taiga liegt bereits Jahrzehnte zurück, was er immer noch nicht akzeptieren möchte. Er fühlt sich einsam, besonders weil ihn seine Frau Dascha verließ, die es nach Erichs Rente wieder zurück in ihre sibirische Heimat zog.

Katharina hingegen ist aus ihrem Elternhaus ausgerissen, nachdem ihr Vater die Familie verlassen hat. Er ging – und hier liegt die Parallele zwischen Erich und Katharina –, um im abgeschiedenen Sibirien an einer Pipeline zu arbeiten. Als die junge Frau nach einer letzten Auseinandersetzung mit ihrer Mutter in Erichs Nachbarwohnung landet, treffen beide aufeinander. Sie finden durch ihre Erfahrungen mit Einsamkeit und Entwurzelung zusammen.

© Ullstein
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Ada Dorian liest am Literaturforum »buch aktuell« drei Passagen, um die beiden Hauptcharaktere sowie einen für sie wichtigen Nebencharakter vorzustellen. Diese Herangehensweise scheint dabei genauso durchdacht wie die Konstruktion des gesamten Buches. Nicht nur beiläufig, sondern systematisch baut Dorian Details und Anspielungen ein, um eine immer stärker werdende Beziehung zwischen den Protagonisten herzustellen. So kümmert sich Erich beispielsweise liebevoll um seine »Zöglinge«, die Pflanzen, doch wird er in Katharina noch einen Zögling anderer Art finden.

Man könnte Ada Dorian einen übermäßigen Determinismus der Handlung vorwerfen, dennoch schafft sie es, die Charaktere einfühlsam und sprachlich schön auszuarbeiten. Die vielen versteckten Verweise regen viel eher zu einer mehrmaligen Lektüre an, um all die Zusammenhänge überhaupt erst zu entdecken.

Abschließend bietet die Autorin dem Publikum die Möglichkeit, Fragen zu stellen, wobei sie einiges über ihren Werdegang als Schriftstellerin erzählt: Schon während der Schulzeit und im Studium habe sie eigene Texte, meist Kurzgeschichten, verfasst. Seit 2008 widmet sie sich gänzlich dem Schreiben. Dorian, Jahrgang 1981, hat bereits mehrere Bücher erarbeitet, war im letzten Jahr für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert und legt jetzt mit »Betrunkene Bäume« ein tolles Debüt vor. Schon bald wird sie einen weiteren Roman veröffentlichen, kündigt sie an.

Beitragsbild: Ada Dorian (links) mit Susann Brückner vom Ullstein Verlag. © Ida Schneider


Die Veranstaltung: Ada Dorian liest aus Betrunkene Bäume, Forum Literatur »buch aktuell«, Halle 3, 23.3.2016, 14 Uhr

Das Buch: Ada Dorian: Betrunkene Bäume. Ullstein, Berlin 2017, 272 Seiten, 14,99 Euro


 

 

 

Die Rezensentin: Ida Schneider

 


 

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