Entschuldigung, haben Sie eine Vulva gesehen?

Eine Diskussion mit Katharina Erben, Übersetzerin der feministischen Graphic Novel »Ursprung der Welt«, der schwedischen Comic-Autorin Liv Strömquist.

Liv Strömquist. © Livia Rostovanyi, avant-verlag
Liv Strömquist. © Livia Rostovanyi, avant-verlag

Nicht jeder kann sofort beantworten, für welches Organ die Bezeichnung Vulva dient. Liv Strömquist versucht in ihrem Comic-Buch »Ursprung der Welt« dieses Informationsvakuum zu neutralisieren und die Kulturgeschichte der äußeren Geschlechtsorgane der Frau zu dokumentieren. Nie zuvor wurde über die Vulva so locker gesprochen, während sie gleichzeitig lustig erklärt und gezeichnet wird.

Das Ziel der Recherche war, den historischen Zeitpunkt zu finden, an dem die Vulva ihre eigene Sexualität verlor und zu einer Ergänzung des Penis wurde. Strömquist kommt zu dem Fazit, dass man es in unserer Kultur ganz einfach so haben will, »dass 1) es zwei Geschlechter gibt, dass 2) sie einander entgegengesetzt sind, und dass 3) sie einander physisch komplettieren«. Folgen: mehr Präferenzen für den Penis und Verschweigen von Vulva-Themen. Ein direktes Beispiel kommt gleich bei der Übersetzung des Comics: Die fünf Korrektoren bemerkten den furchtbaren Grammatikfehler nicht. Statt »Vulven« (Plural von Vulva) wurde »Vulvas« auf Seite 50 gedruckt. Dies zeigt, dass das Wort Vulva in der Alltagssprache fast unbenutzt und ungewöhnlich bleibt (oder dass die Korrektoren die rote Unterstreichung vom Word-Programm ignorierten).

Aus Krankheitsgründen kann die Autorin selbst nicht erscheinen, um ihren Comic auf der Buchmesse zu präsentieren. Daher springt Katharina Erben, die Übersetzerin, ein. Das Gespräch mit Erben zeigt, dass die Idee zur Übersetzung des Comics von ihr stammt. Anfangs wollte sie nur manche Passagen für ihren Mann auf Deutsch vorlesen. Am Ende entstand die gesamte Übersetzung aus dem Schwedischen.

© Avant-Verlag
© avant-verlag

Bei der Übersetzung wurden die stilistischen Merkmale der Autorin übertragen: witzige Darlegung der Fakten, aggressives Hinterfragen und der nachgezeichnete Texte. So erkennt der Leser, wie dumm es war, im Jahr 1965 den Sarkophag von Königin Christina zu öffnen, um ihre eventuelle Intersexualität zu untersuchen. Zu diesem Schluss kamen die Wissenschaftler damals aufgrund von Christinas Fähigkeiten in Mathematik und Philosophie: Talente, die in der Regel Männern zugeschrieben wurden.

Die besondere Bildsprache des Comics mit den provokativen Zeichnungen und Fotos dient der Aufregung der Vernunft. Die riesigen, eckigen Vulva-Insekten-Abbildungen reflektieren unsere moderne Vision der abstoßenden, haarigen, buh … Vulva. Die mittelalterlichen Statuen von nackten Frauen mit gespreizten Beinen aus Klöstern, an Stadttoren oder Hauseingängen (!) regen uns dazu an, bei der westlichen Kulturgeschichte genauer hinzusehen.

Das Cover selbst ist eine Anspielung auf das Foto »Aktionshose: Genitalpanik«  der österreichischen Künstlerin Valie Export von 1969. Strömquist selbst ließ sich in gleicher Pose fotografieren, mit Waffe daneben. Im Unterschied zum Original, auf dem man im dreieckigen Jeans-Loch die Genitalien des Models sieht, wird hier das Dreieck der Vulva nur mit den Händen angedeutet.

Zum Schluss der Diskussion meldet sich eine Zuschauerin und gibt bekannt, dass sie jetzt eine Übersetzung ins Englische von »Ursprung der Welt« machen wird. Interessant, hat sie schon den Plural von Vulva im englischen Wörterbuch nachgeschlagen?

Beitragsbild: Katharina Erben (links) und Hengameh Yaghoobifarah (rechts) während der Diskussion. © Nina Filippenko


Die Veranstaltung: Ein Gespräch mit Katharina Erben, Übersetzerin der grafische Novelle Ursprung der Welt von der schwedischen Comic-Autorin Liv Strömquist, Moderation: Hengameh Yaghoobifarah, Leseinsel Junge Verlage, Halle 5, Stand G 200, 25.3.2017, 15 Uhr

Das Buch: Liv Strömquist: Ursprung der Welt. avant-verlag, Berlin 2017, Übersetzung aus dem Schwedischen: Katharina Erben, 144 Seiten, 19,95 Euro


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Die Rezensentin: Nina Filippenko


 

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