Entführt in die Originale der Gebrüder-Grimm-Märchen

Erich Schleyer, nicht nur Kinderbuchautor, sondern auch Schauspieler, verzaubert mit musikalischer Unterstützung sein Publikum im Münchner Künstlerhaus.

Der kleine Saal ist bis auf den letzten Stuhl gefüllt, die Lichter sind abgedunkelt und vorne auf der Leinwand leuchtet das Bild der Gebrüder Grimm. Zuerst betreten die Musiker die Bühne, nehmen wortlos ihre Instrumente in Anschlag und beginnen zu spielen. Ein geheimnisvoller, melancholischer Klang erfüllt den Raum und Erich Schleyer schleicht in langem besticktem Mantel und einer Maske den Gang zur Bühne entlang. Ohne sich vorzustellen oder ein Wort der Begrüßung beginnt er sein Spiel.

Mit Tempovariationen, Stimmlagenexperimenten und einer guten Menge Schauspiel entführt Erich Schleyer seine Zuhörer, ja vielleicht eher Zuschauer, in die Welt der Märchen der Gebrüder Grimm. Doch klingen die Märchen ein wenig anders als jene, die man sonntagmorgens im Ersten sehen kann. Anstatt dass Rapunzel die Hexe als zu schwer zum Hochziehen empfindet, fühlt sie eher die Kleider immer enger werden. Da waren wohl die abendlichen Besuche des Prinzen nicht ganz jugendfrei. Oder auch Rotkäppchen, das sich nackt zum Wolf ins Bett legt, klingt nicht nach dem unschuldigen kleinen Mädchen, das man aus seiner Kindheit kennt.

Erich Schleyer (rechts) und Rezensentin (links). © Marcus Rambach

Von »Rotkäppchen« trägt Schleyer gleich mehrere Varianten vor, von verschiedenen Schriftstellern und Dichtern aus den unterschiedlichsten Zeiten, sogar eines aus der NS-Zeit. Nach jeder Version des Märchens hört das Publikum Wolfsgeheul. So richtig klappt das Timing aber erst bei der dritten Variante. Und auch das Zuckerhaus der Hexe und die verhasste Mutter aus »Hänsel und Gretel« rücken in ein neues Licht, wenn Schleyer seinem Publikum den Ursprung der Geschichte näherbringt. Im Original zum Beispiel sagt die Mutter noch zum Vater, bevor sie ihre Kinder wegschickt: »Willst du deine Kinder denn hungern sehen?« Man würde sie wohl noch immer nicht zur Mutter des Jahres ernennen, aber vielleicht verringert es die Abneigung gegen sie.

Neben den berühmten Märchen hat Schleyer seinem Publikum auch eher unbekanntere Geschichten mitgebracht, wie »Das eigensinnige Kind« oder »Wie Kinder Schlachtens miteinander gespielt haben«. Beide mit einem recht makabren Ende, viele Tote und keine Hoffnung. Den Abschluss der Lesung bildet ein ebenfalls eher unbekanntes Märchen, das einem aber vor Inhalt schon vertraut vorkommt, »Der Schmied und der Teufel«. Am Ende tut einem der Teufel beinahe Leid und man muss über den Ausgang des Märchens schmunzeln.

Es ist ein gelungener Ausklang für einen gelungenen Abend. Trotz verspätetem beziehungsweise verfrühtem Wolfsgeheul und einem etwas zu lang andauernden Kinderlachen war es ein spannender Abend mit wundervoller, einfach immer passender Musikbegleitung durch das Duo Sain Mus – Clemens Sainitzer mit seinem Cello und Philipp Erasmus mit seiner Gitarre. Durch Schleyers Bühnenerfahrung und mit seiner abwechslungsreichen Erzählweise verzauberte er seine Zuschauer und bot ihnen so einen wundervollen Tagesausklang.

Beitragsbild: Philipp Erasmus (links) an der Gitarre, Clemens Sainitzer (Mitte) am Cello und Erich Schleyer (rechts). © Kim Ackermann


Die Veranstaltung: Erich Schleyer: Wer hat Angst vorm bösen Wolf? Grimm für Erwachsene, Münchner Künstlerhaus, 13.1.2018, 19.30 Uhr


 

 

Die Rezensentin: Kim Ackermann

 


 

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