Emotionen statt Morde – Schweden können auch anders

Für das zwölfte Veranstaltungsjahr zieht die Nordische Literaturnacht von der naTo ins Werk 2 und lädt am Freitagabend zwölf Autoren aus Finnland, Dänemark, Island, Schweden und Norwegen ein.

Tom Malmquist. © Vilhelm Stokstadt
Tom Malmquist. © Vilhelm Stokstadt

Vor dem Halleneingang steht eine lange Schlange von Wartenden, die die Hoffnung auf eine letzte Karte nicht aufgeben wollen, doch bereits um 19.00 Uhr ist jeder Platz besetzt. Sprung: 23.00 Uhr, der Saal ist nur noch zu einem Drittel gefüllt, ein Moderator fragt: »Man sieht gar nicht, ob noch jemand da ist. Können Sie noch?« Die Veranstalter haben zu hoch gepokert. Wenn zwölf Autoren jeweils eine halbe Stunde lesen und interviewt werden sollen, halten die meisten Zuschauer trotz Rotwein aus Plastikbechern nicht bis zum Ende durch. Erst recht nicht, wenn die im Programm stehende Pause aus Zeitmangel einfach weggelassen wird. Zu Beginn sind alle Anwesenden noch hoch motiviert. Den Anfang macht eine Lesung über Apfelsinen und Kommunismus, dann geht es um schwangere Schriftsteller und Dior und Kalaschnikow. Zwischendurch dreht sich alles um Bienensterben und Zimmermänner und ein Mordfall darf bei nordischer Literatur natürlich auch nicht fehlen. Das Programm ist gut durchmischt, aber die Hälfte an Lesungen hätte allen Beteiligten gutgetan.

© Klett-Cotta
© Klett-Cotta

Tom Malmquist betritt um 23.15 Uhr die Bühne und setzt sich an den großen Tisch. Dort sieht er mit seinem ins Gesicht gezogenen Käppi und dem schmächtigen Körperbau etwas verloren aus. Neben ihm moderiert Grit Thunemann. Sie stellt den Dichter und Musiker vor, der seinen ersten Roman herausgebracht hat. Mit »In jedem Augenblick unseres Lebens« verarbeitet Malmquist das Jahr 2012, in dem seine schwangere Verlobte Karin plötzlich schwer erkrankte, seine Tochter Livia per Notkaiserschnitt auf die Welt kam und letztlich erst Karin und dann auch noch Malmquists Vater an den Folgen ihrer Krankheiten starben. Tom steht als alleinerziehender Vater vor Problemen mit Jugendämtern und den Schwiegereltern. Der Roman ist anders als andere Bücher, er wirkt eher wie ein Gedankenstrom, denn Malmquist verzichtet auf Anführungszeichen, Kapitel, Überschriften und springt in der Zeit. Auf die Frage, warum er seine Geschichte in einem Buch verarbeitet habe, antwortet er, dass es der Versuch war, mithilfe der Sprache »einen Sinn in dem vollkommen Sinnlosen zu finden«. Malmquist spricht viel von Körperlichkeit, den fünf Sinnen und immer wieder von Schmerz. Man fühlt sich wie ein heimlicher Beobachter, wenn er sich in den letzten Absätzen des Romans an seine tote Freundin wendet. Er trägt Passagen auf Schwedisch vor, die Übersetzung liest Thunemann. Das geschrumpfte Publikum horcht den Stimmen gespannt und beweist Durchhaltevermögen. Nach einer halben Stunde muss Malmquist jedoch von der Bühne, damit der letzte Autor vor 1.00 Uhr nachts nach Hause kommt. Die Nordische Literaturnacht war der falsche Rahmen für das richtige Buch. Weniger ist oft mehr.

Beitragsbild: Grit Thunemann (links) und Tom Malmquist (rechts). © Hanna Komischke


Die Veranstaltung: Tom Malmquist liest bei der Nordischen Literaturnacht, Moderation: Grit Thunemann, Werk 2, 24.3.2017, 19 Uhr

Das Buch: Tom Malmquist: In jedem Augenblick unseres Lebens. Klett-Cotta, Stuttgart 2017, 301 Seiten, 20 Euro, E-Book 15,99 Euro


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Die Rezensentin: Hanna Komischke

 


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