»Einsamkeit ist wie Zahnschmerzen oder Kopfweh – das kennt jeder«

Manfred Spitzer stellt im Audimax der Universität Leipzig sein neues Buch »Einsamkeit – die unerkannte Krankheit« vor.

© Droemer Knaur

Nach einem frühlingshaften Tag, der dazu einlädt, im Park ein Buch zu lesen und die Sonne zu genießen, trudeln die Besucher der Lesung ins Audimax. Es herrscht eine ausgelassene Stimmung, immer mehr Plätze werden besetzt und die ersten Signaturen werden gegeben. Nach einer kurzen Vorstellung des Autors Manfred Spitzer, Professor für Psychiatrie an der Universitätsklinik Ulm, beginnt dieser ganz locker und sympathisch mit seinem Vortrag.

Langsam und verständlich führt er die Zuhörer an das heikle Thema Einsamkeit heran und veranschaulicht dies mit Studien und Bildern. Durch den Trend der Urbanisierung und Singularisierung wird unser Mitgefühl und unsere Sympathie vermindert und durch das Nutzen von Social-Media wie Facebook oder WhatsApp isolieren sich die Menschen. Wir vereinsamen durch die neuen Technologien immer mehr und werden dadurch krank. Doch warum ist Einsamkeit so schlimm für uns?

Um diese Frage beantworten zu können, holt Spitzer etwas aus und belegt durch neurologische Studien, dass das Schmerzzentrum auch stimuliert wird, wenn wir Menschen uns einsam fühlen. Der Mensch ist ein Gemeinschaftstier, ohne die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft sterben wir. Mit weiteren psychologischen und neurologischen Studien erkennen die Zuhörer immer mehr, dass Einsamkeit nicht nur ein Wort ist, sondern eine ernstzunehmende Krankheit. Nach und nach rücken Freunde und Familie in den Sitzreihen zusammen und lauschen gespannt und nachdenklich Spitzers Ausführungen über die Krankheit und deren Folgen. Indirekt suchen die Zuhörer nach Nähe, da dieses Thema, dieses Gefühl für jeden bekannt ist.

Manfred Spitzer. © Udo Grimberg

In der Medizin wurde dennoch die Einsamkeit immer als ein Symptom angesehen und nicht als eigenständige Krankheit. Doch Spitzer zeigt mit einem einzigen Satz auf, dass dies nicht stimmt: »Einsamkeit ist ein größerer Killer als Rauchen, Alkohol und Übergewicht«, denn Einsamkeit erhöht dauerhaft den Stresshormonspiegel und steigert damit das Risiko durch einen Schlaganfall oder Herzversagen zu sterben.

Manfred Spitzer hat es geschafft, mit seinem neuen Buch die Bedeutung der Einsamkeit näher zu bringen und ein Verständnis dafür zu vermitteln. Mit vielen Studien und wissenschaftlichen Aufsätzen namhafter Wissenschaftler wird aus einem »einfachen Wort« wie »Einsamkeit« etwas Großes. Er schrieb dieses Buch jedoch nicht nur für Menschen, die sich einsam fühlen, sondern für die gesamte Menschheit; in der Hoffnung, dass sich die Gemeinschaft ändert, um die zunehmende Einsamkeit aufzuhalten. Einsamkeit ist eine Volkskrankheit, die jeden betreffen kann und jeder kennt – wie Zahnschmerzen oder Kopfweh.

Beitragsbild: Manfred Spitzer nach seiner Lesung. © Melanie Rothe


Die Veranstaltung: Autorenlesung im Audimax der Universität Leipzig, Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer, Buchhandlung Lehmanns, 5.3.2018, 19 Uhr

Das Buch: Manfred Spitzer: Einsamkeit – die unerkannte Krankheit. Droemer Knaur, München 2018, 317 Seiten, 19,99 Euro, E-Book 17,99 Euro


 

 

Die Rezensentin: Melanie Rothe

 


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