Einmal wieder jung sein – oder lieber nicht?

Die Autorin Susanne Fischer liest im Kinder- und Jugendzentrum »Halle 5 e.V.« aus ihrem neuen Roman »Wolkenkönigin«.

Der Hinterhof der ehemaligen Fabrik liegt geheimnisvoll und wie verlassen da. Die verwinkelten Backsteingebäude nehmen mich durch die graffitigetarnte Tür in ihr Inneres auf. Eine steile Treppe hinauf und durch buntbesprühte Gänge geht es in die Veranstaltungshalle. Großzügig breiten sich vor mir viel Platz, eine Bar, viele Reihen grüner Plastikstühle sowie eine richtige, schwarzverhangene Bühne aus. Für Pfeffi und Kirsch etwas zu früh dran suche ich mir getränkelos einen Stuhl.

Lautstark trampelt eine Schulklasse meine aufkeimende Furcht hinweg, der einzige Gast zu bleiben. Stimmbrüchige Klassenclowns bringen den pubertären Mischmasch von Schweiß und Axe-Deo mit herein und machen das Kinder- und Jugendzentrum synästhetisch erfahrbar. »Argh, Alter, du zerreißt mir hier den Finger!« brüllt ein Junge, der das falsche Mädchen zu nerven gewagt hat, dann sorgt die Lehrerin für Ruhe: »Vincent! Ich habʼ die Brille auf – Ich sehe dich!« Es kann losgehen.

Susanne Fischer. © Alexej Sorokins

Susanne Fischer verzichtet auf »das ganze Mikrofonzeug« und beginnt die in drei Abschnitte gegliederte Lesung. Auch ohne technische Unterstützung ist ihre klar artikulierte Rede gut verständlich, die klanglich ihre norddeutsche Herkunft erahnen lässt. Ohne Hast, mit sicherer Betonung und gelegentlichem Nippen am Wasserglas führt die Autorin und Journalistin die Zuhörer durch die Welt Maries. Die heißt eigentlich Corinna, was sie aber lieber verheimlicht, um auf ihrer neuen Schule Spitznamen wie »Corrywurst« zu vermeiden. Fischers erster Jugendroman erzählt die Geschichte einer Jugendlichen, die inmitten der Pubertät herauszufinden versucht, ob es überhaupt möglich ist, seinen Platz zu finden, wenn man ständig umziehen und die Nachbarschaft, Schule und Freunde wechseln muss. Von schwierigen Beziehungen zu Vater und Mutter, über Liebe, Verrat und Einsamkeit, bis hin zu Angst und Gewalt, doch auch tiefer Freundschaft berührt der Roman die vielen verwirrenden Pfeiler des Lebens, für die Marie noch kein Fundament gefunden hat.

© Verlag Rowohlt rotfuchs.

Bei Stellen wie »Herr Stegners fette Frau« rutschen ein paar der Schüler unruhig auf ihren Stühlen herum – sind sie unsicher, ob sie lachen dürfen, den Blick der Lehrer im Nacken? Doch bis auf Getuschel und Gekicher hier und da sind alle bei der Sache: »…dann lacht er auch und fällt in die Ketchup-Kotze« lässt das ein oder andere »üüäärgh« vernehmen.

Eigentlich soll das Buch für Jugendliche ab etwa 14 Jahren gedacht sein. Zwar war das Publikum etwas jünger, doch scheint es sich nicht daran gestört zu haben. Nach der Lesung und Schülerfragen wie »Ist das jetzt Ihr Lieblingsbuch?« ist die Veranstaltung zuende. Wer beispielsweise zu Ostern seinem Spross etwas Gutes tun möchte, ist mit Susanne Fischers »Wolkenkönigin« gut beraten und kann ihm so vielleicht zeigen, dass er nicht der einzige junge Mensch auf der Welt ist, dem die Welt auf den Kopf zu fallen droht.

Beitragsbild: Erleuchtet vom eigenen Vortrag: Susanne Fischer © Kai Clever


Die Veranstaltung: Susanne Fischer liest aus »Wolkenkönigin«, Kinder- und Jugendzentrum »Halle 5 e.V.«, 15.3.2018, 10.30 Uhr

Das Buch: Susanne Fischer: Wolkenkönigin. Reinbek bei Hamburg 2018, 224 Seiten, 12,99 Euro, E-Book 9,99 Euro


 

 

Der Rezensent: Kai Clever

 


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