Eine Skizze der Gegenwart

Der Historiker Frank Bösch plädiert im Zeitgeschichtlichen Forum für eine veränderte Betrachtung der Geschichte mit Fokus auf das Jahr 1979.

Die Geschichtsschreibung kennt feste Eckdaten zur Bestimmung historischer Umbrüche. Dadurch erscheinen gemeinhin einige Jahreszahlen als besonders bedeutend – 1914, 1933, 1945, 1968, 1989.
Das Jahr 1979 gehört dagegen wohl eher nicht zu den Jahren, die einem auf Anhieb in den Sinn kommen.
In seinem neuen Buch »Zeitenwende 1979« rückt der Historiker Frank Bösch nun die Ereignisse des titelgebenden Jahres in den Mittelpunkt.

Der Historiker Frank Bösch © Joachim Liebe

Auch er habe sich zuallererst näher mit den Umwälzungen in den 70er- und 80er-Jahren auseinandersetzen wollen, verriet er im Zeitgeschichtlichen Forum, wobei er jedoch feststellte, dass besonders rund um das Jahr 1979 prägende, globale Ereignisse stattfanden, die einen Umbruch in Bezug auf Themen wie Energie, Islam, Wirtschafts- und Außenpolitik markierten.
Anhand zehn prägender Geschehnisse, deren Ausläufer bis heute reichen, zeigt Bösch in seinem Buch den Ursprung heutiger Selbstverständlichkeiten auf.
Die Methode des Buches ist dabei, partikulare Ereignisse, wie die islamische Revolution im Iran, den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan, die Wahl Margaret Thatchers oder die Ausstrahlung der Fernsehserie »Holocaust«, als Ausgangspunkt für größere Entwicklungen, wie den Aufstieg des Islamismus, den Umbruch innerhalb des Kalten Kriegs, den Siegeszug des Neoliberalismus oder den Umschwung in der deutschen Erinnerungskultur, zu verstehen.
Bösch bietet so eine überaus detailreiche Geschichtsstunde, die insbesondere für jüngere Menschen Informationen bereithält, die in ihrer Gänze sicherlich nicht zum üblichen Alltagswissen gehören. Davon zeugten nicht zuletzt die interessierten Nachfragen der zahlreichen Zuschauer.

Cover © C.H. Beck

Dabei ging er darauf ein, dass es sich bei »Zeitenwende 1979« weder um eine reine Jahresgeschichte, noch um einen monokausalen Erklärungsversuch für vergangene Zäsuren handle. Parallelen zur heutigen Zeit seien zwar durchaus gegeben, aber an simple Weisheiten nach dem Schema »Geschichte wiederholt sich« glaube er nicht.
Dass Bösch neun Jahre lang alle möglichen Archive durchstöberte und Zeitzeugen interviewte, merkt man ihm an. Doch hebt sich »Zeitenwende 1979« dadurch von den üblichen, zahlreich vertretenen historischen Nacherzählungen ab?
Zumindest hinsichtlich Eloquenz, Gliederung und Genauigkeit wird kaum ein anderes Buch seine Qualität erreichen. Neben der Beschreibung historischer Verläufe ist die Hauptthese allerdings schnell zusammengefasst. Wo aber Reflexionen und weitergehenden Überlegungen ansetzen könnten, beispielsweise bezüglich der Frage, warum bestimmte, teilweise unerfreuliche Entwicklungen bis heute Einfluss ausüben, beantwortet »Zeitenwende 1979« nicht. Das ist auch zu verstehen angesichts der Konzeption als historisches Sachbuch – und nicht als geschichtsphilosophische Abhandlung. Man sollte bei der Lektüre aber nicht mehr erwarten, als eine sorgfältig sortierte Aufzählung von Geschehnissen und ihren Konsequenzen.

Titelbild: Frank Bösch (links) und Cornelius Pollmer (rechts) im lockeren Gespräch © Nico Hoppe


Die Veranstaltung: Frank Bösch liest aus »Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann.«, Moderation: Cornelius Pollmer, Zeitgeschichtliches Forum, 21.03.2016, 17:30 Uhr


Das Buch: Frank Bösch: Zeitenwende 1979 – Als die Welt on heute begann. München 2019, 512 Seiten, 28 Euro, E-Book 22,99 Euro


Der Rezensent:

 

 

Nico Hoppe

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