Eine Geschichte wie eine Matroschka

Lesung zu Thomas Wendrichs Debütroman „Eine Rose für Putin“

von Verena Lang

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Donnerstagabend, 21 Uhr: Die alte Nikolaischule in der Leipziger Innenstadt öffnet ihren Alten Saal im Stundentakt für Lesungen und Autoren, unter anderem auch für Thomas Wendrich mit seinem Roman „Eine Rose für Putin“. Der Wechsel der Lesungen im Saal ist fliegend – eine Stunde maximal, Besucher raus, neue Besucher rein. Es kommt einer literarischen Abfertigung nahe, doch das Prunkvolle des Saals schluckt jeglicher solcher Gedanken. Ganz voll wurde es jedoch nicht – die Hälfte der Plätze im aristokratisch anmutenden Saal mit Wagners Porträt über dem Lesungstisch ist gefüllt. Die Altersgruppe der Lesungsbesucher ist ebenfalls gehoben – ein angenehmer Kontrast zu dem doch jungen Autor und seinem ersten Buch, der in der Lesung von der Moderatorin Ina Namislo interviewt wird.

Thomas Wendrich selbst ist jedoch nicht als Autor bekannt – jedenfalls nicht für Romane, sondern für Drehbücher. Geboren am Schauplatz (einer) seiner Geschichten in Dresden 1971 studierte er Schauspiel an der HS für Film und Fernsehen in Babelsberg. Daneben war er bis 1999 Mitglied des Berliner Ensembles. Nach seinem Abschluss an der Drehbuch-Akademie der dffb in Berlin 2001, arbeitet er als freischaffender Regisseur, Schauspieler und Drehbuchautor. „Eine Rose für Putin“ ist sein Debütroman und seine erste Rolle als Romancier. Eine „gesuchte Öffentlichkeit“ wie der Autor erklärt, da das Leben als Drehbuchautor weitgehend verdeckt stattfindet.

„Eine Rose für Putin“ erschien am 16. Februar 2015 im Berlin Verlag und handelt von einem ungeklärten Kindesraub 1985 in Dresden – ein historischer Mythos, den Thomas Wendrich geschickt nutzt, um ein verzweigtes Metaebenennetz an Erzählsträngen zu spinnen. Dabei bewegt er sich auf dem schmalen Grad zwischen Realität und Wirklichkeit. Die verschwimmende Grenzen zwischen Fiktion und Wahrheit ist Wendrichs ganz eigene Erzähltechnik. „Wahrheit an sich gibt es nicht“ so der Autor „nur Fakten, und daraus konstruieren wir uns eine Wahrheit“. Eine selbst konstruierte Wahrheit – dies beschreibt auch seinen Hauptprotagonisten Johann Stadt, der sich mit seinem Chef, dem Regisseur M, in der Uckermark verschanzt, um ein Drehbuch über den historischen Dresdner Kindsentführungsstoff zu schreiben. Beide versuchen dabei, die mysteriösen Begebenheiten in die Gegenwart zu überführen – die zweite Ebene des Romans ist geschaffen, die Geschichte um Familie Friebe und ihrer entführten Tochter Marie. Parallel dazu – wie könnte es auch anders sein – ein weiterer Erzählstrang mit dem Fokus auf Weißrussland und einer Mutter, die ihr Kind an den Krebs verliert, ihre Bleibe obendrauf und hochschwanger Unterschlupf in einem Kinderheim findet. Ein Jahr später findet sie heraus, dass ihr zweites Kind ebenfalls todkrank ist. Sie kann ihrem Kind nicht helfen, doch zufällig hat das Waisenhaus, in dem sie Hilfe und Arbeit gefunden hat, einen jährlichen Austausch mit einer Schule in Deutschland. Aus der Kindsentführung wird ein Kindstausch, ein über eigentliche Moralvorstellungen hinwegsetzendes, aber notwendiges Unterfangen der verzweifelten Mutter – denn nur in Deutschland kann dem kranken Kind geholfen werden. Mysteriös skurril geht es dabei weiter in der Uckermark. Es wird viel geschossen, Postbotinnen und Schwäne lassen ihr Leben und Johann Stadts Fiktion verschwimmt mit seiner eigenen Realität. Letzten Endes jedoch findet er „eine Wahrheit über sich selbst heraus“. Ob diese fiktiv oder real sei – diesem Zustand spürt der Autor in seinem Buch nach „wenn ich schreibe, verbringe ich viel Zeit mit meinen Figuren – in der Zeit, in der ich erzähle, sind sie für mich real.“


Zum Buch: Thomas Wendrich; Eine Rose für Putin; Berlin Verlag; 320 S.; 19.99€

Zur Lesung: Lesung und Gespräch mit Thomas Wendrich; „Eine Rose für Putin“; 12. März 2015, 21:00; Mitwirkende: Thomas Wendrich, Ina Namislo; Alte Nikolaischule, Nikolaikirchhof 2

 

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