Eine bessere Welt im Entstehen

Das wachstumskritische Degrowth-Netzwerk stellt sein neues Buchprojekt vor.

Der große Saal des Social Impact Labs im Stelzenhaus über dem Karl-Heine-Kanal ist voll mit Menschen. Die ersten Studenten machen es sich schon auf der Treppe und dem Fußboden bequem – wie sonst im überfüllten Hörsaal. Im Eingangsbereich liegt auf einem Tisch »gerettetes Brot« zum Mitnehmen, der Wegwerfgesellschaft wird in den Kakao gespuckt. Seit der großen internationalen Degrowth-Konferenz, organisiert vom »Konzeptwerk Neue Ökonomie« im Herbst 2014, wurde Leipzig zu einem zentralen Ort der Postwachstumsdebatte. Jetzt präsentiert die Bewegung nach einer zweijährigen Arbeitsphase ihr erstes Buch: Vertreter_innen von 32 sozialen Bewegungen setzten sich mit der gemeinsamen Suche nach einer gerechteren Wirtschaftsweise, mit möglichen Bündnissen und Verknüpfungspunkten auseinander. Herausgekommen ist eine Art »Lexikon sozialer Bewegungen«. Entgegen dem neoliberalen Dogma, es gebe keine Alternativen, zeigt es: Es gibt tausend Alternativen und viele weitere können entstehen.

Auf dem Podium sitzen heute stellvertretend für vier Themenschwerpunkte des Buches vier Autor_innen: Werner Rätz von attac für die Globalisierungskritik, Theresa Klostermeyer vom Deutschen Naturschutzring für die Umweltbewegung, die freie Autorin Friederike Habermann für People’s Global Action und Olaf Bernau von afrique europe interact für die flucht- und migrationspolitische Bewegung. Moderiert wird das Podium von Nina Treu, einer Mitbegründerin des »Konzeptwerks Neue Ökonomie«.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde der Autor_innen gibt sie das Wort zunächst an Bernau, der eine kurze Erklärung über den Zusammenhang zwischen Fluchtbewegungen der derzeitigen kapitalistischen Hochleistungsökonomie liefert: Ressourcenkriege, die vor Ort die Existenzgrundlagen der Menschen zerstörten, seien viel öfter die Ursache von Flucht als Verfolgung und Bomben. Wobei das eine natürlich oft als Vorbote des anderen auftrete. Daran knüpfen Habermann und Rätz direkt an und sprechen über eine bedürfnisorientierte Wirtschaft, die nicht mehr bloß zur Geldvermehrung produziere, sondern die Produktion wieder in den Dienst der Menschen stelle. Der »Bruch mit dem Kapitalismus« sei zwingend notwendig, so Rätz, um diesen Übergang zu bewältigen.

Dann entzündet sich eine Diskussion zwischen Klostermeyer und Bernau über den Sinn und Unsinn der sogenannten »green economy«. Ja, auch Windräder seien Wachstumstreiber und würden aus nicht-erneuerbaren Ressourcen hergestellt. Werner Rätz nimmt dies als Beispiel dafür, dass es keinen strategischen Hebel gebe, um alles zu bewegen. Daher gehe es um die Verbindung der einzelnen Teilkämpfe und das Festhalten an der gemeinsamen Utopie: ein gutes Leben für alle.

Die Sprechzeiten sind knapp bemessen, alle Statements werden sehr schnell und schlagwortartig abgegeben und die Moderatorin klingelt jedes Mal am Glas, wenn einer der Redner zum Ende einer Antwort kommen soll. So geschieht es, dass die Inhalte aus verschiedenen Gesellschaftsbereichen so dicht gepackt abgegeben werden, dass teilweise die Prägnanz der Aussagen darunter leidet. Ein bisschen mehr »Zeitwohlstand« – auch so ein schöner Begriff – hätte der Veranstaltung wohl durchaus gutgetan.

Bei der Fragerunde zeigt sich das Publikum sehr kritisch und interessiert, viele scheinen sich in die Thematiken schon eingelesen zu haben oder selbst Teil einer der vorgestellten Bewegungen zu sein. »Wie finden wir als Gesellschaft zu unseren echten Bedürfnissen?«, »Wie erfolgreich war der Atomausstieg wirklich?« und »Ist die sogenannte nachhaltige Entwicklung nicht ein zutiefst koloniales Konzept?« Eins ist sicher: Der relevante Diskussionsstoff wird der Bewegung sicher nicht ausgehen in diesen spannenden Zeiten. Wer sich in die vorgestellten Ansätze einlesen will, der muss sich nicht unbedingt das Buch zulegen, denn alle Texte stehen auch auf der Homepage der Degrowth-Bewegung zum kostenlosen Download bereit.

Beitragsbild: Die Autoren und Moderatorin Nina Treu. © Helena Berger


Die Veranstaltung: Buchvorstellung mit Podiumsdiskussion, Moderation: Nina Treu, Social Impact Lab, 25.3.2017, 19.30 Uhr

Das Buch: Degrowth in Bewegung(en). 32 alternative Wege zur sozial-ökologischen Transformation. Oekom Verlag, München 2017, 416 Seiten, 22,95 Euro, online zu finden unter: https://www.degrowth.de/de/dib/degrowth-in-bewegungen/


 

 

Die Rezensentin: Helena Berger

 


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