Eine andere Lesung

Benjamin Stein liest aus seinem neuen Roman „Ein anderes Blau“

Von Marie Lautenschläger

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Es ist Donnerstag um die Mittagszeit. Die Leseinsel der unabhängigen Verlage in der Mitte der Messehalle ist bis auf den letzten Sitzplatz gefüllt, die anderen Besucher stehen einfach. Auf der Bühne sitzen der Autor Benjamin Stein und Moderator Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag. Die eigentliche Autorenlesung von Benjamin Steins neuem Buch Ein anderes Blau wird vorerst durch ein Interview abgelöst. Das Publikum lauscht gespannt den Worten als der Autor erklärt, es handele sich mehr oder weniger um ein „poetologisches Manifest“, als einen richtigen Roman. Das Thema des Werkes basiert auf der wahren Begebenheit eines Verkehrsunglückes in München Trudering, als 1994 dort ein Bus in einen U-Bahnschacht abkippte, der sich in Bauarbeiten befand. Benjamin Stein erklärt seine Idee zum Roman damit, dass er ‘jeden Tag an der Unglücksstelle vorbei musste’ und sich jedes mal die Frage nach der Situation der Opfer, die lange Zeit nicht geborgen werden konnten, stellte.

Trotz des ernsten, fast bedrückenden Themas ist die Stimmung auf der Bühne gut, der Autor spricht begeistert von seinem Roman, das Publikum, ein guter Mix aus seinen Fans und zufällig angespülten Neugierigen, ist ganz Ohr. Die Unterüberschrift lautet nach Benjamin Stein nicht zufällig Prosa für sieben Stimmen, denn für ihn ist es mehr ein „Lyrikband in Prosaverkleidung“ als alles andere. Die einzelnen Kapitel, die jeweils in der Ich-Erzähler Form von sieben unterschiedlichen Charakteren geschrieben sind, funktionieren als isolierte Lyrik, oder eben als großes Ganzes. „Es ist nicht unbedingt ein Buch, das man von vorne bis hinten Lesen muss“, meint der Autor zu seinem Werk. Das Interview macht neugierig auf den Schreibstil, wenngleich auch schon zu erahnen ist, dass Benjamin Stein genauso stilsicher schreibt, mit der Hand auf dem Herzen, genauso wie er sich im Gespräch mit dem Moderator gibt, authentisch und mitreißend.

Dann folgt die Aufforderung, das Publikum nicht länger warten zu lassen, eine Leseprobe aus dem Werk, an dem Benjamin Stein nach eigener Aussage fast 20 Jahre gearbeitet hat, muss her.

Trotz des typischen „Messerauschens“ im Hintergrund wird es zwischen den bunten Quadraten auf den Wänden, die die Leseinsel umschließen, ganz still. Richard ist die erste Figur, deren Eindrücke während des Busunglücks vorgetragen werden. Es ist eine spannende Stelle im Werk und es ist spannend mitzuerleben, wie plötzlich alle Zuhörer in diesem Bus sitzen, der in die Erde rutscht, genauso angespannt, panisch und gleichzeitig voller willkürlicher Gedanken. Der Moment in der Schwebe zwischen Leben und Tod wird kurz unterbrochen, als der Moderator Benjamin Stein bittet, eine weitere Stelle zu lesen und dieser zur Verständlichkeit der „Mehrstimmigkeit“ des Romans noch die Eindrücke der selben Szene aus den Augen von Nadja liest, die neben Richard im Bus sitzt. Und wieder wird deutlich, die lange Arbeit an Ein anderes Blau hat sich gelohnt. Ebenso wie der Besuch der etwas anderen Lesung, die mehr ein Lese-Interview war und bei der sich das Publikum leidenschaftlich zwei Mal in die Welt zwischen Leben und Tod geträumt hat.

„Sie lesen ganz toll“ spricht eine Dame Benjamin Stein nach der Lesung noch an. Finde ich auch und bin froh, da gewesen zu sein.


Lesung von Benjamin Stein, Ein anderes Blau, 19,00€; Verbrecher Verlag

Halle 5, Leseinsel Die Unabhängigen; 12.03.2015; 11.30 Uhr

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