Ein unbeschriebenes Blatt Papier

Die neuseeländische Lyrikerin Alice Miller liest zusammen mit der Leipziger Schauspielerin Charlotte Puder aus ihrem neuen Gedichtband.

»Liebe Alice« beginnt die Leipziger Schauspielerin Charlotte Puder die Lesung und blickt dabei zuerst Alice Miller und dann das Publikum an. Die beiden Frauen stehen nebeneinander in der Ecke eines   riesigen Ausstellungsraumes auf dem Gelände der Leipziger Baumwollspinnerei. Hinter ihnen hängt eine blanke Leinwand wie ein unbeschriebenes Blatt Papier, das darauf wartet, mit Worten gefüllt zu werden. Auf der anderen Seite des Raumes flimmern Bildschirme neben langen Bücherregalen stumm vor sich hin. »Ich beginne diesen Brief mit einer Entschuldigung für meine verspätete Antwort.« Es sind Zeilen aus einem Brief des pakistanischen Schriftstellers Bilal Tanweer an Miller, die Puder hier rezitiert. Trotz der Größe des Raumes entsteht bei der Lesung sofort eine vertraute Atmosphäre, in der die wenigen Zuhörer in den intimen Austausch zweier Schriftsteller einbezogen werden.

© Edition Solitude
© Edition Solitude

Puder und Miller lesen abwechselnd aus dem Buch »Blaue Stunde« vor, das im Rahmen eines Stipendiums Millers beim Schloss Solitude Programm in Stuttgart entstand. Der Gedichtband, nach »The Limits« ihr zweiter, enthält Gedichte und den Briefwechsel zwischen Miller und Tanweer auf Englisch und deren deutsche Übersetzung von Nicolai Kobus. Sie thematisieren das Schreiben selbst, verbinden ungewöhnliche Bilder und eröffnen unzählige Bedeutungsebenen. Nie ist sicher, wohin die Worte führen. Sie sind eine Reise an verschiedene Orte, in die Natur und das Jenseits. Personen, Dinge und Worte nähern sich einander an. Schlachten werden ausgetragen, trotzdem bleibt ihr Ausgang in der Schwebe und selbst der menschliche Körper lässt sich nicht festlegen.

Auch die Veranstaltung lässt sich nicht in eine eindeutige Form pressen. Ist es eine Lesung? Ein Schauspiel? Miller liest ihren eigenen Text sehr gleichmäßig, Puders Sprechweise erinnert dagegen an ein Theaterstück. Jede von ihnen bleibt in ihrer eigenen Muttersprache. Reden sie miteinander oder adressieren sie das Publikum? Es ist ein bisschen von allem. Auf der Leinwand entstehen zarte Bilder, die nie fertig gemalt werden, sondern Platz für weitere Assoziationen schaffen.

Millers Poesie passt wunderbar in eine riesige Fabrikhalle und scheint selbst nach der Veranstaltung noch im Raum weiterzuklingen. Die Lesung in der Baumwollspinnerei ist die dritte interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Stipendiaten des Schlosses Solitude und Leipziger Künstlern. Hoffentlich darf das Leipziger Publikum weitere gemeinsame Projekte erwarten, die die Grenzen zwischen den Künsten verwischen und neue Wahrnehmungshorizonte eröffnen.

(Die Autorin Alice Miller schreibt neben Gedichten auch Theaterstücke, Essays und Prosa. Unter anderem wurde sie mit dem BNZ Katherine Mansfield Award und dem Royal Society of NZ Manhire Prize ausgezeichnet. Die Leipziger Schauspielerin Charlotte Puder war bereits an vielen Theater- und Fernsehproduktionen beteiligt und ist Initiatorin des Projektraumes »Hopfe« in Leipzig.)

Beitragsbild: Alice Miller (links) und Charlotte Puder (rechts). © Karla Aslan


Die Veranstaltung: Alice Miller: Blaue Stunde, Mitwirkende: Charlotte Puder, Baumwollspinnerei, HALLE 14, Zentrum für zeitgenössische Kunst, 25.3.2017, 17 Uhr

Das Buch: Alice Miller: Blaue Stunde. Edition Solitude, Stuttgart 2016, 112 Seiten, 15 Euro


 

 

Die Rezensentin: Karla Berna Aslan

 

 


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