»Ein passender Ort für all die kranken Menschen in diesem Buch«

Einen kranken Mann beschreibt sie. Einen von der Geschichte fast vergessenen Denker, einen Hypochonder, einen Verzweifelten, einen Staatsmann ohne Staat.

Der Raum im Apothekenmuseum ist mit etwa 30 Menschen gut gefüllt. Zwischen Vitrinen mit alten Vorratsflaschen und chemischen Gerätschaften präsentieren Tanja Maljartschuk und Moderator Carsten Otte ausgewählte Passagen aus dem Roman »Blauwal der Erinnerung«, der in der ukrainischen Ausgabe den Titel »Vergessenheit« trägt.

Carsten Otte und Tanja Maljartschuk © Tim Weßling

Durchsetzt wird die Lesung von Gesprächen zwischen Moderator und Autorin über Entstehung und Bedeutung des Buchs. Maljartschuk berichtet von ihren eigenen Recherchen über Wjatscheslaw Lypynskyj, dem Freiheitskämpfer im Zentrum der Erzählung, und dass die namenlose Protagonistin in eben diesen Recherchen ihren Ursprung hat, da Maljartschuk nicht biografisch schreibt. Die erste Passage erzählt auch aus der Perspektive dieser Protagonistin und die kleinen Absurditäten ihres Verfalls werden vom Publikum brav mit Lachern honoriert.

Aber eigentlich geht es um Erinnern und die Schaffung einer Identität. Lypynskyjs Kampf um Anerkennung seiner Ideen steht hier beispielhaft für den Prozess und wird mit einer Sprache beschrieben, die Maljartschuk als die eines Klassikers inszeniert. Der Abschied von Lypynskyjs Ehefrau, der in der zweiten Passage beschrieben wird, mag zwar historisch nicht verbrieft sein, aber die Szene beeindruckt das Publikum trotzdem.

Die Übersetzung ist ebenfalls Thema. Tanja Maljartschuk berichtet von der engen Zusammenarbeit zwischen ihr und Maria Weissenböck, um die dichte, bildreiche Sprache des Ausgangstextes ins Deutsche zu übertragen. Carsten Otte spricht dabei von »Prosapoesie«. Um dies zu demonstrieren, liest die Autorin noch eine ursprünglich auf Deutsch verfasste Kolumne für die ZEIT vor.

Am Ende gibt es großen Applaus für die Autorin, danach werden noch Bücher signiert. Ob der Blauwal das übergroße Lob des Moderators verdient hat, muss jeder selbst entscheiden.

Beitragsbild: Apothekenmuseum © Tim Weßling


Die Veranstaltung: Tanja Maljartschuk liest aus Blauwal der Erinnerung, Moderation: Carsten Otte, Apothekenmuseum, 21.3.2019, 20.30 Uhr


Das Buch: Tanja Maljartschuk: Blauwal der Erinnerung. Kiepenheuer&Witsch, Köln 2019, 288 Seiten, 22 Euro, E-Book 18,99 Euro


 

 

Der Rezensent: Tim Weßling

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