Ein Ort voller Geheimnisse und Einzelschicksale

Leipzig liest im Sächsischen Psychiatriemuseum

Von Jessica Hornig

Sächsisches Ps. 2

Die Museumsnacht vom 25. Mai 2001 war etwas Besonderes, denn sie ist die Geburtsstunde des Sächsischen Psychiatriemuseums, welches sich im Leipziger Westen befindet.

Im Mittelpunkt der Dauerausstellung des Museums stehen verschiedene Berichte und Techniken aus diversen Heil-und Pflegeanstalten sowie Einzelschicksale, die sich in psychiatrischer Behandlung befanden. Viermal in der Woche öffnet es seine Pforten für alle Interessierten und bietet dabei ein breites Spektrum an spannenden Fakten und vielseitigen Details aus der Geschichte der Kliniken vom Mittelalter bis in die Neuzeit. Ziel der Ausstellung ist es, den Leuten ein anderes Bild der Psychiatrie zu vermitteln und sie mit dem 1808 entstandenen Begriff vertraut zu machen. Hier werden sie mit dem Themenkomplex in authentischer Art und Weise konfrontiert.

Die DDR hinterlässt tiefe Narben bei Betroffenen und Beobachtern, die Psychiatrie gilt als verlängerter Arm der Gesellschaft und ist Tabuthema. Seit 2013 widmet sich ein Ausstellungsraum dieser Problematik. Durch schonungslose Ehrlichkeit schafft es das Museum, Vorurteile und alte Erinnerungen aus den Köpfen der Besucher zu beseitigen und bietet Raum für neue Gedanken und Erkenntnisse.

Jahr für Jahr sind die Museumsnächte gut besucht und auch eine enge Zusammenarbeit mit der Leipziger Buchmesse ist vorhanden.

Ein weiteres Angebot des Museums bilden die Stadtführungen, welche einen vertieften Einblick in die Leipziger Psychiatriegeschichte geben. Besonders zu empfehlen ist der Rundgang „Genie und Wahnsinn“ am 14.03.2015 um 11 Uhr im Rahmen der diesjährigen Buchmesse in Leipzig.

Die räumliche Verbindung und die daraus folgende Zusammengehörigkeit von Museum und dem Verein „Durchblick e.V.“ schaffen eine außergewöhnliche Atmosphäre. Zusammenschlüsse von Betroffenen in den achtziger Jahren entwickelten sich während der Wende zu einem Forum mit dem Thema „ Missbrauch und Defizite in psychiatrischer Versorgung“. 1990 wurde dann der „Durchblick e.V.“ von ungefähr vierzig Mitgliedern ins Leben gerufen.

Faszinierend ist die „Psychiatriebetroffeneniniative Durchblick“ nicht nur durch ein einfaches Konzept, sondern auch auf Grund eines vielfältigen Programms, das den Besuchern helfen soll, schneller soziale Kontakte zu knüpfen. Beispiele dafür sind der wöchentliche Treff einer Kunstgruppe und verschiedene Angebote in der Keramikwerkstatt. Ca. 25 Personen gehen täglich ein und aus, auch „nicht erfahrene“ Leute dürfen sich an den Angeboten beteiligen und sich somit auch in die Gruppen von Betroffenen integrieren. Anonymität, Verständnis und Spaß stehen im Vordergrund, sie bilden die Grundlage für ein solidarisches Miteinander. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Bereitstellung von sogenannten „Krisenzimmern“, welche für Hilfsbedürftige vorgesehen sind. 2013 erhielt der Verein zum vierten Mal den wohlverdienten „Förderpreis der Stiftung für Soziale Psychiatrie“.

Wer sich entscheidet, dem Museum einen Besuch abzustatten, dem sollen die Leseveranstaltungen der Leipziger Buchmesse besonders ans Herz gelegt werden.

Den Anfang der Lesereihe bildet die Autorin Christine Stumpe am 13. März um 18 Uhr. Ihr Werk „Kunst und Medizin 2008-2014. Eine Liebes- und Leidensgeschichte in der soziokulturellen Entwicklung“ beschreibt die Arbeit der gelernten Ärztin als ehrenamtliche Mitarbeiterin bei dem Verein „Durchblick e.V“, in Form von Geschichten, Briefen und Berichten. Das gesamte Werk kann als Ratgeber oder Biografie angesehen werden.

Noch am gleichen Abend findet um 20 Uhr die Lesung „Der andere Fallada“ mit zugehörigem Vortrag statt. Rudolf Ditzen, welcher später als Hans Fallada bekannt war, wurde auf Grund eines Doppelmordversuches in die Psychiatrische Klinik in Jena eingewiesen. Klaus-Jürgen Neumärker, früherer Direktor der Nervenklinik des Berliner Charités, wertet in seinem Werk Briefe und Krankenakten des weltbekannten Autors aus und betrachtet somit die Person aus einem anderen Blickwinkel.

Des Weiteren ist die am 14. März um 19 Uhr stattfindende Veranstaltung zu dem Werk „Schmutzige Hände. Das Büro.“ (Zweiter Band) von J.J.Voskuil zu empfehlen, das in Form eines Gesprächs von Gerd Busse und Ulrich Faure vorgestellt wird. Im Buch geht es um die Geschichte des Amsterdamer Büros für Volkskunde, dem Studentenrevolte und der Charakter einer revolutionären Zeit nicht anzumerken sind. Als jedoch neue Beamte eingestellt werden, welche als „Quertreiber“ gelten, treten allerhand Probleme auf. Der niederländische Autor selbst erreichte seinen Durchbruch mit dem ersten Teil der siebenbändigen Romanreihe „Das Büro“. In den Niederlanden wurden über 400.000 Exemplare von „Het Bureau“ verkauft.

Die Lesungen, aber auch alle anderen Attraktionen, die das Museum zu bieten hat, sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen. Also ab in die Zeitmaschine und hinein in ein Stückchen nervenaufreibende Geschichte!


Buchempfehlungen:

Christine Stumpe; „Kunst und Medizin 2008-2014. Eine Liebes-und Leidensgeschichte in der soziokulturellen Entwicklung.“; Frankfurter Taschenbuch Verlag; 10,80 €

Lesung: 13. März 2015; 18 Uhr

 

Klaus-Jürgen Neumärker; „Der andere Fallada-Eine Chronik des Leidens“; Steffen Verlag; 26,95 €

Lesung: 13. März 2015; 20 Uhr; Vortrag und Lesung

 

J.J. Voskuil; „Schmutzige Hände. Das Büro.“ (Band 2); Verbrecher Verlag; 29,00 €

Lesung: 14. März 2015; 19.15 Uhr; Lesung und Gespräch mit Gerd Busse (Übersetzer) und Ulrich Faure (Lektor)

 

Stadtführung „Genie und Wahnsinn“; 14.März 2015; 11 Uhr

Das Sächsiche Psychatriemuseum befindet sich in der Mainzer Straße 7, 04109 Leipzig.

www.psychatriemuseum.de

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