Ein nicht ganz so einsamer Autor

Benedict Wells liest aus seinem preisgekrönten Roman »Vom Ende der Einsamkeit« in der Deutschen Nationalbibliothek.

Das Foyer der Deutschen Nationalbibliothek ist bereits vierzig Minuten vor Beginn der Lesung brechend voll. Nicht einmal während der Prüfungsphase, in der schon Freundschaften im Streit um einen Platz in der Bibliothek zerbrochen sind, erlebt man diesen Andrang. Gerade einmal drei Eintrittskarten können von Hörern, die sich spontan für diese Lesung entschieden haben, entgegengenommen werden. Zahlreiche Besucher halten einen Roman des erwarteten Autors Benedict Wells in der Hand und offenbaren sich so als bereits bekannt mit selbigem.

Die Lesung findet im großen Saal der Nationalbibliothek statt. Das Publikum sitzt an den Tischen, an denen normalerweise gearbeitet wird. Vorne im Mittelgang, dort, wo die Bibliotheksaufsicht ihren Platz findet, sitzt an diesem Abend der Autor. Veranstalter neben der Deutschen Nationalbibliothek ist auch die Stiftung Ravensburger Verlag, deren Buchpreis Benedict Wells im vergangenen Jahr für seinen Roman »Vom Ende der Einsamkeit« erhalten hat. So stellen sich beide Institutionen vor, bevor das Wort an die Moderatorin des Abends Andrea Reidt übergeben wird.

Trotz seines jungen Alters, er wurde 1984 in München geboren, sei Benedict Wells längst kein Debütant mehr, stellt Reidt den Autoren vor. Bereits sein erster Roman »Becks letzter Sommer«, der 2008 erschien, wurde von den Kritikern gefeiert. Mit »Vom Ende der Einsamkeit« steht Wells am bisherigen Höhepunkt seiner literarischen Laufbahn. Neben dem Buchpreis der Stiftung Ravensburger Verlag erhielt er 2016 den Literaturpreis der Europäischen Union. Auch die Zahlen sprechen für sich: Bis zum jetzigen Zeitpunkt wurden 190.000 Exemplare seines vierten Romans verkauft.

Dieser erzählt die Geschichte von drei Geschwistern – Jules, Liz und Marty Moreau –, die in früher Jugend ihre Eltern durch einen Unfall verloren haben. Fortan leben sie mehr nebeneinander als miteinander in einem Internat und bewältigen daraufhin ihr Erwachsenenleben. Es geht um Verlust, Trauer, Enttäuschungen, Zweifel, Schuldgefühle, aber auch Hoffnung und Liebe und eben auch um das gemeinsame Überwinden der Einsamkeit der Protagonisten. Wells gehe es bei dem Roman darum, »Gefühle im Leser zu evozieren«. Abwechselnd zu Fragen der Moderatorin bezüglich seines Schreibprozesses oder dem Umgang mit dem eigenen literarischen Erfolg, liest er aus seinem Werk vor. Viel mehr als dieser eine Roman steht sein Schaffen im Allgemeinen im Fokus, was damit genau den Erwartungen des Publikums entspricht.

Bevor der Abend sich dem Ende neigt, bedankt sich der Schriftsteller bei seinem Auditorium und knippst mit einer Kamera Fotos von seinem Platz aus. Tosender Beifall und ein Sturm entbrennt, nicht auf die Garderobe, wie man es üblicherweise auf Veranstaltungen dieser Art kennt, sondern auf Benedict Wells seitens des Publikums, um eine Widmung oder ein Foto zu erhaschen. Mit der Aufmerksamkeit, die ihm verdienterweise zuteilwird – so zeigt es dieser Abend –  hat der Autor in literarischer Hinsicht längst die Einsamkeit überwunden.

Beitragsbild: Moderatorin Andrea Reidt (links) und Autor Benedict Wells (rechts). © Franziska Czok


Die Veranstaltung: Vom Ende der Einsamkeit, Moderation: Andrea Reidt, Deutsche Nationalbibliothek, 24.3.2017, 19.30 Uhr

Das Buch: Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit. Diogenes Verlag, Zürich 2016, 368 Seiten, 22 Euro


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Die Rezensentin: Franziska Czok

 


 

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