Ein Nachtfalter unter der Neonröhre

Mario Pschera liest auf dem Messestand die Bühne aus Haydar Karataş‘ Roman »Nachtfalter: Perperık-a Söe«.

Haydar Karataş. © J&D Dağyeli Verlag
Haydar Karataş. © J&D Dağyeli Verlag

Ein kleiner schwarzer Schmetterling ziert den Umschlag des Buches, das sich Mario Pschera vom Dağyeli Verlag unter den Arm geklemmt hat. Dieses kleine nachtaktive Insekt hat es schwer an einem wuseligen Messestand. Seine Geschichte ist zu leidvoll, zu grausam und zu entlegen für eine kurze Lesung vor herumirrenden Messebesuchern. Trotzdem versucht Pschera seinen Zuhörern das Buch und dessen Entstehungsgeschichte nahezubringen, die mehr als aufregend ist. Der Autor selbst kann zur Lesung nicht erscheinen, da er heute zum zweiten Mal Vater geworden ist.

Haydar Karataş, der der Minderheit der Zaza angehört, wurde 1992 aufgrund seiner Aktivität in einer linken Organisation inhaftiert und verbrachte zehn Jahre im Gefängnis. Dort schrieb er den Roman »Nachtfalter« auf Zazaki, welcher jedoch bei Karataş‘ Verlegung in ein anderes Gefängnis beschlagnahmt wurde. Ein zweites Mal verfasste er seinen Roman auf Türkisch und verlor ihn bei einem Erdbeben, das den Großteil des Gefängnisses zerstörte. Erst nach seiner Emigration in die Schweiz konnte er schließlich mithilfe seiner Mutter den Roman rekonstruieren, der auf der Lebensgeschichte von Mutter und Großmutter beruht. In der Türkei erschien das Buch 2010 im Iletişim Verlag, nachdem der renommierte Schriftsteller Yaşar Kemal sich dafür einsetzte, dass es trotz seiner regierungskritischen Inhalte veröffentlicht wurde. Im Oktober 2016 erschien die deutsche Übersetzung von Sara Heigl. Die deutsche Ausgabe enthält Passagen, die in der türkischen Version aus Sicherheitsgründen gestrichen wurden. Dazu gehört beispielsweise eine sehr offene Kritik am Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk.

© J&D Dağyeli Verlag
© J&D Dağyeli Verlag

Dersim im Jahre 1938: Große Teile der alevitischen Bevölkerung werden vom türkischen Militär erschossen, erstochen oder deportiert. Diese grausamen Ereignisse beschreibt das fünfjährige Mädchen Gülüzar, die mit ihrer Mutter nach dem Tod des Vaters auf der Suche nach einer sicheren Heimat ist. Dieses Mädchen besitzt eine geheimnisvolle Puppe mit dem Namen Perperık-a Söe, zu Deutsch: Nachtfalter. Die Puppe erwacht im Laufe der Handlung immer mehr zum Leben. Gülüzar hingegen zieht sich in sich selbst zurück und verliert den Zugang zu ihren Gefühlen. Ihre Umwelt, das Leid und Klagen von Frauen und Kindern, die in der Kälte ums Überleben kämpfen, beschreibt sie detailreich und distanziert. Die Mutter erzählt alle Märchen und Geschichten nun der Puppe und Gülüzar verstummt, ohne es zu merken. Diese Geschichten innerhalb der eigentlichen Handlung spiegeln Traditionen, Rituale und die Alltagskultur des Dorflebens.

Pschera ist bei dem Märchen von Alık und Fatik angelangt, doch hier muss er die Lesung aus Zeitgründen abbrechen. Er möchte Haydar Karataş jedoch noch einmal zu einer türkisch- deutschen Lesung nach Leipzig einladen, an einen Ort, der hoffentlich der Tiefgründigkeit des Werkes gerecht wird. Dann flattert der Schmetterling aufgeregt mit den Flügeln und verschwindet hinter der Absperrung.

Beitragsbild: © J&D Dağyeli Verlag


Die Veranstaltung: Haydar Karataş: Nachtfalter, Perperık-a Söe, Mitwirkende: Mario Pschera, Die Bühne, Halle 5, Stand E402, 25.3.2017, 13.30 Uhr

Das Buch: Haydar Karataş: Nachtfalter, Perperık-a Söe. J&D Dağyeli Verlag, Berlin 2016, 248 Seiten, 19,80 Euro


 

 

Die Rezensentin: Karla Berna Aslan

 


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