Ein leerer Held in einer bäuerlichen Welt

Der österreichische Autor Reinhard Kaiser-Mühlecker liest am 21. März 2019 in der Kulturapotheke aus seinem neusten Roman »Enteignung«.

»Ein leerer Held in einer bäuerlichen Welt« – so könnte man den Rahmen des Romans durchaus beschreiben. Jan, der Protagonist und Ich-Erzähler, ist Journalist und kehrt nach vielen Jahren auf Reisen in sein Heimatdorf zurück. Dort kommt er durch den Schweinemastbetrieb von Hemma und Flor mit einem sehr einfachen, rudimentären Leben in Berührung, das sich so ganz und gar von dem unterscheidet, was er zuvor kannte. Er geht dort ein Arbeitsverhältnis ein, legt seine Tätigkeit beim Lokalblatt nieder und gerät durch zwei Affären in ein komplexes Geflecht aus kriminalistischen Verwicklungen, die mit der Einfachheit des Hofalltags kontrastieren.

© S. Fischer

Es scheint sich durchaus Persönliches von Kaiser-Mühlecker in seiner Figur widerzuspiegeln, auch er erzählt von prägenden Reisen, kennt sich mit dem Landleben aus und ist ebenso wie sein Journalisten-Charakter ein »Mensch der Sprache«. Ein Unterschied liege aber zum Beispiel in der Textproduktion. Während sein Protagonist seine Zeitungstexte sehr lieblos schreibt, berichtet der Autor, durch fast schon meditatives Sinnieren eine sprachliche Entsprechung für die ihm vorschwebenden Bilder auszuformen. Er setzt dem Strukturwechsel und den Umbrüchen, von denen das Buch unter einem größeren Betrachtungswinkel handelt, eine »Sprache der Langsamkeit« entgegen. Dieses sehr feine Gespür für Sprache und Komposition von Bildern ist seinem Roman definitiv anzumerken.

Reinhard Kaiser-Mühlecker © Jürgen Bauer

Jan hingegen bezeichnet er als eine extreme Ausformung eines postmodernen Typus, der zwar viel gesehen habe, den aber nichts mehr berühren könne. Kaiser-Mühlecker möchte, auch über dieses Werk hinaus, der Frage nachgehen, was Menschen berührt, vor allem auch in der heutigen Zeit, in der jeder vermeintlich schon alles kennt. Jan ist leer, obwohl er die Geschichte erzählt, ist es nicht seine. Er beneidet schließlich sogar die zuvor so belächelte simple Sinnhaftigkeit im Leben der Bauern. Der Roman zeigt filigrane gesellschaftliche und persönliche Umbrüche und macht damit deutlich, wieso er durchaus für eine breite Leserschaft interessant sein kann.

Vermutlich auch, da der Autor in Literaturkreisen nicht unbekannt ist, ist die KuApo gut gefüllt, ein ziemlich gemischtes und interessiert wirkendes Publikum findet sich dort ein, um der Lesung beizuwohnen. Die sowieso schon stimmungsvolle Atmosphäre des ausklingenden ersten Frühlingsabends vermischt sich zu Beginn mit leiser Musik, der schummrigen Beleuchtung und dem wunderschönen Interieur des Raumes.

© Alicia Opitz

Am spannendsten ist aber wohl der Autor selbst, der sehr gedankenverloren und fast schon philosophisch wirkt und auf heiser-ernsthafte Weise aus seinem Buch liest. Dass er nicht der größte Lesungs-Fan ist, merkt man ihm auch schon an, bevor er es dem Publikum gegen Ende gesteht. Ohne Zweifel ist er einer jener Autoren, die gerne am liebsten ihr Werk für sich sprechen lassen und keine Notwendigkeit darin sehen, darüber zu reden. Man hat das Gefühl, dass sich die Beteiligten ihrer literarischen Wichtigkeit schon sehr bewusst sind, allerdings wird diese seriöse Stimmung hin und wieder von unerwartet trockenen Kommentaren von Kaiser-Mühlecker aufgelockert, die die Zuhörenden sichtlich amüsieren.

In der Lesungssituation prallen dann also diese Seriosität und die Schilderung einer bäuerlichen Einfachheit aufeinander, was ja auch gerade ein Spannungsfeld des Romans ist und diese Thematik noch mal vergegenwärtigt. Ein gutes Buch und ein gelungener Abend!

Beitragsbild: Reinhard Kaiser-Mühlecker (links) und Petra Gropp (rechts). © Alicia Opitz


Die Veranstaltung: Reinhard Kaiser-Mühlecker liest aus Enteignung, Moderation: Petra Gropp, KuApo – Die Kulturapotheke, 21.03.2019, 20 Uhr


Das Buch: Reinhard Kaiser-Mühlecker: Enteignung. S. Fischer, Frankfurt am Main 2019, 224 Seiten, 21 Euro, E-Book 18,99 Euro


 

 

 

Die Rezensentin: Alicia Opitz

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