Ein Einblick in die Leben des Gregor Gysi

Gregor Gysi erzählt im Gespräch mit der Leipziger Volkszeitung Anekdoten aus seinem Leben.

© Aufbau Verlag

Eines steht gleich zu Beginn fest, wie der Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung und Moderator Jan Emendörfer anmerkt: »Bei diesem Mann ist keine Vorstellung nötig.« Gregor Gysi ist an diesem verschneiten Samstagabend nach Leipzig gekommen, um ein Gespräch über seine Autobiografie »Ein Leben ist zu wenig« zu führen. Gysi erzählt, dass er schon sechs Leben gelebt habe. Er teilt sie dabei ein in die Bereiche Kindheit und Jugend, sein Jurastudium, seinen Beruf als Rechtsanwalt in der DDR, die Zeit um 1989/90, bis hin zur Ablehnung durch andere Politiker in der Bundesrepublik Deutschland und dann schließlich die Akzeptanz seiner Person. Sein siebtes Leben aber beginne erst jetzt und wird vom 70-Jährigen scherzhaft »das Alter« genannt.

Der Moderator lenkt das Gesprächsthema mit seiner ersten Frage auf die Wahl Gysis zum SED-Parteivorsitzenden 1989, welche auch in seinem Buch beschrieben wird. Hier wird schnell deutlich, wie rasant die Veränderungen in der DDR vonstatten gegangen sind, denn Gysi war, wie er selbst sagt »eine Woche Chef der SED, eine Woche Chef der SED-PDS und dann PDS-Chef«. Aus heutiger Sicht hätte er diese Position damals nicht angenommen, obwohl er durch sein Amt viele Politiker wie Castro, Mandela und Mitterand getroffen habe. Auch mit seinem Beruf als Rechtsanwalt hatte er beinahe eine Sonderstellung in der DDR, da es nur 600 von ihnen gab. Obwohl er lange nicht wusste, was er werden wollte, war ihm doch vom ersten Tag seines Studiums an klar, dass der Anwaltsberuf sein Ziel sei.

Gregor Gysi © Joachim Gern

Der vollbelegte Saal lauscht während solcher Anekdoten aus der Autobiografie Gysis gebannt seinen Worten, was vor allem an der angenehmen Stimme liegt, die eher an einen Erzähler als einen Politiker erinnert. Die dadurch entspannte, lockere Stimmung wird nur durch den Moderator unterbrochen, dem Fragen aus dem Publikum gutgetan hätten. Gysi hätte das Publikum auch ohne ihn bestens unterhalten. Zudem wird durch den Moderator und durch die anwesenden Zuschauer, die zum großen Teil selbst in der DDR gelebt haben, das Gespräch stark auf diese Zeit gelenkt, obwohl es in dem Werk von Gregor Gysi um weitaus mehr Themen geht.

Auch kritische Töne werden angeschlagen. Gysi merkt an, dass die DDR zwar wenige, aber doch einige Regelungen hatte, die seiner Meinung nach auch in die BRD gehörten. Dies würde sowohl das Selbstwertgefühl der ehemaligen DDR-Bürger als auch die Lebensqualität der BRD-Bürger steigern. Hierzu zählt er beispielsweise die Polykliniken, die Berufsausbildung neben dem Abitur und die kostenlosen Kindergartenplätze. Kurz werden auch aktuelle, politische Angelegenheiten angesprochen. So antwortet Gysi auf die Frage, welchen Ministerposten er einnehmen würde, wenn Die Linke in eine Regierung eintreten würde, salopp mit: »Dann werde ich Kanzler.« Am Schluss gibt Gregor Gysi dem Publikum noch einen Rat auf den Weg, den er laut eigener Aussage viel zu spät gelernt habe: »Liebe und Kinder sind wichtiger als Politik.«

Beitragsbild: Die Autobiografie »Ein Leben ist zu wenig« von Gregor Gysi. © Laura Schäfer


Die Veranstaltung: Ein Leben ist zu wenig, Moderation: Jan Emendörfer, LVZ Kuppelhalle, 17.3.2018, 19.30 Uhr

Das Buch: Gregor Gysi: Ein Leben ist zu wenig. Aufbau Verlag, Berlin 2017, 583 Seiten, 24,00 Euro, E-Book 15,99 Euro


 

 

Die Rezensentin: Laura Schäfer

 


 

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