»Ein Buch wie eine Ausstellung«

Am Samstagabend gibt es in der Szenekneipe Horns Erben junge Literatur aus Litauen.

Das Gastland der Buchmesse ist in diesem Jahr Litauen, das kleine Land im Baltikum, fast drei Millionen Einwohner zwischen Russland und dem Rest von Europa. Herausgeberin Jurgita Ludavičienė, der Autor Mykolas Sauka und Übersetzer Markus Roduner stellen junge litauische Literatur vor für das interessierte Publikum. Es belegt an diesem Samstagabend zwar nicht alle Stühle in der Szenekneipe Horns Erben, aber die Anwesenden haben ein großes Interesse im Gepäck und wünschen sich am Ende sogar eine Lese-Zugabe.

Ludavičienė erzählt zu Beginn, wie sie gebeten worden sei, eine Anthologie zusammenzustellen mit Prosa und Lyrik von litauischen Autoren, und das ohne wirkliche Erfahrung als Herausgeberin. Die promovierte Kunsthistorikerin und Verlegerin hat jedoch ihr Wissen als Kuratorin kurzerhand auf die Literatur angewandt: »Ich wollte ein Buch machen wie eine Ausstellung«, erklärt sie. Wie Bilder in einer Galerie bilden die einzelnen Texte von vierzehn litauischen Autoren nun im Band trotz ihrer Vielfältigkeit ein ansprechendes Ganzes. Die Stimmen der Autoren zeigen: Die neue Generation ist vielseitig, kreativ und schlagfertig. Wie Ludavičienė es ausdrückt, haben sie alle etwas gemeinsam: »Sie möchten ernst genommen werden, nicht gestreichelt«. Daher kommt auch der Titel des Sammelbandes, eine Zeile aus Giedrė Kazlauskaitės Gedicht »Joggen im Park«: »Kein Streicheln (auch nicht gegen den Strich).«

© Mitteldeutscher Verlag
© Mitteldeutscher Verlag

Die jüngste litauische Geschichte ist geprägt von einem gesellschaftlichen Umbruch, vom sowjetischen Litauen hin zur Unabhängigkeit im Jahr 1990. Ein Wandel wie dieser hinterlässt Spuren. Das können auch viele in Deutschland nachvollziehen. Und auch die weiteren Themen der Texte in »Kein Streicheln« sind keineswegs allein für litauische Leser zugänglich. Mykolas Sauka, Jahrgang 1989 und hauptberuflich Bildhauer, schreibt in seiner Geschichte »It« von Couchsurfing-Erlebnissen in Paris, Billigfluglinien und der »Generation Identitätssuche«. Vorgetragen wird zuerst auf Litauisch, danach von Markus Roduner auf Deutsch. Der nicht im Litauischen bewanderte Zuhörer versteht zunächst nichts außer vereinzelte Ausdrücke wie »Monsieur« oder »next level shit«. Nach der Übersetzung sieht man, dass die Menschen gar nicht so verschieden sind, in Litauen und in Deutschland. Die Texte in »Kein Streicheln« schaffen ein unerwartetes Gleichgewicht aus international relevanten Themen und Gefühlen und litauischer Identität.

Am Ende der Veranstaltung bedankt sich Ludavičienė für die Zusammenarbeit mit dem Mitteldeutschen Verlag, der die Herausgabe der zweisprachigen Anthologie wagte. Das Publikum applaudiert begeistert. Und nach diesem außergewöhnlichen Einblick in das Schaffen einer Autorengeneration aus einem anderen Land versteht man vielleicht ein weniger besser, was Ludavičienė meinte, als sie von einem »Buch wie eine Ausstellung« sprach. Literatur ist Kunst, vielfältig und individuell. Gleichzeitig ist sie eine Einladung, hinzuschauen und vielleicht am Ende überraschenderweise seine eigenen Gefühle geteilt zu finden, über Sprache, Raum und Zeit hinweg.

Beitragsbild © Madeleine Kardetzky


Die Veranstaltung: Kein Streicheln. Junge Literatur aus Litauen. Mit Jurgita Ludavičienė (Herausgerberin), Mykolas Sauka (Autor) und Markus Roduner (Übersetzer), Horns Erben, 25.3.2017, 19 Uhr

Das Buch: Jurgita Ludavičienė (Hg.): Kein Streicheln. Übersetzt von Magda Doering, Berthold Forssman und Markus Roduner. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2017, 248 Seiten, 14,95 Euro


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Die Rezensentin: Madeleine Kardetzky

 


 

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