Eigenwillig & Unbeirrt

Von der Leidenschaft für Lepra, Räude und Milben

von Theresa Strohbach

Sie schreibe „Ekelgedichte“, wurde ihr gesagt. Ein Urteil, welches im Gegensatz zu der mondänen Erscheinung der Autorin steht. Doch wird sich diese These bewahrheiten?20150312_210328

Im Zuge der Langen Leipziger Lesenacht 2015 (L3) stellt Carolin Callies ihre erste Monographie „fünf sinne & nur ein besteckkasten“ vor. Der Lyrikband wurde für den diesjährigen „Leonce-und-Lena-Preis“ nominiert.

Die Lesungen der L3 sind jeweils in Veranstaltungsblöcke gegliedert. Im selben Block wie Callies stellt Tom Schulz ebenfalls einen Lyrikband mit dem Titel „Lichtveränderung“ vor. Abgerundet wird die Lesereihe durch Julia Wolf mit ihrem Romandebut „Alles ist jetzt“.

Nervöses Stühlerücken. Angeregte Gespräche innerhalb des vorwiegend älteren Publikums. Es herrscht eine gespannte Unruhe im Saal „Schwalbennest“, dessen Name die Bedrängtheit der gut gefüllten Sitzreihen passend beschreibt.

Die Moderatorin Annegret Richter begrüßt mit brüchiger Stimme die Gäste. Während sie die Namen der Schriftsteller verwechselt und falsche biographische Informationen verbreitet, überlächelt Callies charmant die Nervosität der Moderatorin und beginnt als Erste mit ihrer Lesung. Die Autorin erklärt zunächst, dass sie sich mit dem menschlichen Körper beschäftigt habe und wie dieser im Laufe der Zeit „erodiere“. Heiteres Lachen im Publikum, welches jedoch bald verstummen wird.

Als das erste Gedicht mit der Zeile „& heut sitzt du in meinem urin, du hast es längst geahnt, my dear.“ endet, ist bereits ein Raunen im Zuschauerraum zu vernehmen. Strahlend schildert Callies im Folgenden ihre Begeisterung für Lepra, Räude und Milben, was zu einer jähen Gesichtsentgleisung der Zuschauer führt. Sie leitet schließlich zu ihren Lieblingswerken, den „Kotgedichten“ über. Mit enthusiastischer Stimme verkündet sie ihr Interesse an den menschlichen Ausscheidungen. Kopfschütteln, skeptische Blicke und ein stockender Applaus bilden den Abschluss ihrer Lesung. Die Moderatorin unterbricht das betretene Schweigen der Zuschauer und kündigt Tom Schulz an. Seine Gedichte, die von Vergänglichkeit und Kindheitserinnerungen handeln, vermögen die vor Ekel verzerrten Gesichter der Gäste zu entspannen. Doch für losgelösten Beifall und einen versöhnlichen Ausklang kann erst der Vortag von Julia Wolf sorgen.

Hat sich damit die anfängliche These bestätigt? Ein Fazit des Abends im Nachgespräch mit einem Zuschauer: „Ekelgedichte?! Ja, definitiv! Doch ich mag ihre direkte Art. Sie stößt an! Und lässt sich in ihrer eigenwilligen Begeisterung für die menschlichen Ausscheidungen nicht beirren.“


Zum Buch: Carolin Callies; fünf sinne & nur ein besteckkasten; Schöffling & Co.; 18,95€

Lesung: L3 (Lange Leipziger Lesenacht); Moritzbastei – Schwalbennest; 12. März 2015; 21Uhr; Autoren:

Carolin Callies, Tom Schulz, Julia Wolf, Moderation: Annegret Richter

 

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