Eigensinnige Aphorismen

Hans Melchior Schmidt spricht auf der Leipziger Buchmesse mit Moderator Marc Johne über sein neues Buch »Gedanken eines Unzeitgemäßen oder Aphorismen gegen den Zeitgeist« und liest einige Aphorismen daraus vor

Ich bin ganz ehrlich, ich wusste nicht, was Aphorismen sind, bevor ich von diesem Buch gehört habe. Hans Melchior Schmidt hat es über die letzten 18 Jahre geschrieben, es enthält neben vom Autoren handgezeichneten Illustrationen ganze 1250 Aphorismen. Das Bild auf dem Cover ist ebenfalls von ihm selbst gestaltet.

Cover © edition bodoni

Ein Aphorismus ist ein kurzer Sinnspruch in Prosa, der eine besondere Einsicht vermitteln soll (Wikipedia). Insofern ist das Buch sehr anstrengend zu lesen, denn es besteht nur aus solchen Sinnsprüchen, die mitunter erst etwas ziehen müssen, und manche erschließen sich mir auch nicht. Einige Aphorismen von ihm lauten zum Beispiel:
»Wer gerne im Trüben fischt, surft im Internet.« (S. 108)
oder »Descartes heute: Ich konsumiere, also bin ich.« (S. 226)
oder »Mit Geld kannst du dich berühmt und durch Berühmtheit Geld machen.« (S. 34)
Marc Johne moderiert das Ganze und schafft es, Hans Melchior Schmidt ein wenig aus der Reserve zu locken: »Bist du altklug?« fragt er zwischendurch, und für mich ist die Frage berechtigt, denn viele von Schmidts Aphorismen haben oft etwas »Neunmalkluges« oder Sarkastisches. Dass er seine Weisheiten so konsequent in aphoristischer Form vermittelt, lässt diese Annahme durchaus zu. Schmidt antwortet, er würde sich selbst nicht so bezeichnen, aber er könne nachvollziehen, warum man zu diesem Schluss kommt.
Er formuliert es lieber so, dass er die »Tugend Eigensinn« pflegen möchte. Denn Eigensinn sei notwendig in diesen Zeiten. Heutzutage fühlt sich Hans Melchior Schmidt eher weniger zu Hause, zu Beginn der Veranstaltung meint er, die ideale Umgebung für ihn wäre eigentlich Wien vor dem Ersten Weltkrieg. Vermutlich wegen der Kaffeehäuser, denn anscheinend ist ein großer Teil seines Werks in Cafés entstanden, wie man auch der Danksagung hinten im Buch entnehmen kann. Über ein Mobiltelefon verfügt er auch nicht.
Doch die junge Generation ist in seinen Augen tatsächlich noch nicht ganz verloren. Er war von 1977 bis 2013 an verschiedenen Orten als Lehrer tätig, vorher hatte er Geographie und Biologie auf Lehramt studiert. Die Demonstrationen zu #FridaysForFuture findet er sehr begrüßenswert, sagt er. Und das von einem ehemaligen Lehrer.

Beitragsbild: Hans Melchior Schmidt (links) mit Moderator Marc Johne © Richard Aude


Die Veranstaltung: Hans Melchior Schmidt liest aus Gedanken eines Unzeitgemäßen oder Aphorismen gegen den Zeitgeist, Moderation: Marc Johne, Leipziger Buchmesse, Halle 3, Stand E401, Forum Literatur »Buch aktuell«, 21.3.2019, 16.00 Uhr


Das Buch: Hans Melchior Schmidt: Gedanken eines Unzeitgemäßen oder Aphorismen gegen den Zeitgeist. Buskow 2018, 245 Seiten, 16 Euro


Der Rezensent:

Richard Aude

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