Ede und Unku – wie es weiterging

Im Grassi-Saal der Stadtbibliothek Leipzig erzählen Janko Lauenberger und Juliane von Wedemeyer die Geschichte von dem Sinti-Mädchen Unku, das in den dreißiger Jahren in Berlin lebte.

Ist man in den Siebzigern in der DDR in der Schule gewesen, so bekam man wahrscheinlich als Pflichtlektüre die Geschichte von »Ede und Unku« aufgebrummt. Was Grete Weiskopf in ihrem Jugendroman von 1931 auf wahren Personen basierend beschreibt, nämlich die Freundschaft zwischen einem Berliner Jungen und einem Zigeunermädchen, wird auf der Leipziger Buchmesse 2018 neu aufgegriffen. In »Ede und Unku – die wahre Geschichte« erzählt Unkus Ur-Cousin Janko Lauenberger, wie es weiterging in Zeiten, als Deutschland vom Nationalsozialismus ergriffen wurde und Unkus Leben sich drastisch änderte.

Zu Beginn der Lesung ist die Stimmung noch locker. Journalistin Juliane von Wedemeyer hat Janko Lauenberger vor zwei Jahren anlässlich eines Interviews über Unku kennengelernt und schnell wurde den beiden klar, dass diese Geschichte genug Stoff für ein eigenes Buch bietet. Wedemeyer und Lauenberger erzählen abwechselnd von Unkus Heranwachsen und Lauenbergers eigener Kindheit. Die Töne sind grundverschieden: So wirkt das Vorgelesene ruhig und kraftvoll in seinem ordentlichen Wortgewebe, während Lauenbergers Sätze spontan zu kommen scheinen, sich überschlagen und er in Erinnerungen schwelgt. Diese emotionale Sprechart lässt ihn ungemein authentisch wirken.

© Gütersloher Verlagshaus

Auch im Buch selbst erfährt der Leser dieses plötzliche Herumspringen zwischen Unku, Lauenberger und anderen Teilen der Familie. Und doch sind diese Schicksale so sehr miteinander und mit ihren Umständen verknüpft, dass es einen enormen Lesebann auslöst. Die in der Lesung ausgewählten Segmente tasten sich erst langsam an die Schrecken der Zeit nach Hitlers Machtergreifung und des Krieges heran. Zuerst hört das Publikum von den kalten, armen Dreißigern. Die Sinti-Familie hat ihren Alltag, man kommt irgendwie zurecht. Unku ist ein Kind und erinnert sehr an das Mädchen aus dem Originalbuch.

Lauenbergers frühe Kindheit war glücklich, er lebte auf einem Dorf, in dem »alles ein Spielplatz« war. Er beginnt seine Leidenschaft für Musik zu entdecken – und setzt auch während der Lesung mehrere Akzente mit seinen klimpernd-jazzigen Liedern. Doch Unku wird alsbald in ein Arbeitslager geschickt, verliert ihre Freiheit immer mehr – und der Ton wird düsterer. Je näher die Lesung chronologisch den Kriegsjahren kommt, desto schwermütiger wird die Stimmung im Saal. Eindrücklich trägt Wedemeyer Bittbriefe der Sinti-Familie an Staatsorgane vor, die voller Verzweiflung und Hilflosigkeit sind.

Auch Lauenbergers Anekdoten werden schwerer zu ertragen: die Geschichte über den traumatisierten Großvater, den er nur als gebrochenen Mann kennt, der ewige Kampf gegen das tägliche Verprügeltwerden in der Schule, weil er sich gegen die Sprüche und Beleidigungen der anderen Kinder wehrt, das Nichtstun der Lehrer und die Hilflosigkeit des Jungen.

Nach dieser Erzählung kann sich das Publikum nicht mehr zurückhalten und will mehr wissen. Mehr Details, um die unglaublichen Zustände zu verstehen, denn Lauenbergers authentische Worte treffen ins Herz. Und auch das Ende der vorgetragenen Buchauszüge hängt nach Wedemeyers letzten Worten tonnenschwer im Raum: »Fahren wir jetzt Eisenbahn, Mama?«, fragt Marie. Unku nickt. »Ja, wir fahren jetzt Eisenbahn.«

Aus Zeitgründen gibt es keinen Raum mehr für eine Diskussion, die meisten Besucher strömen trotzdem zum Lesetisch und bombardieren Lauenberger und Wedemeyer so wissbegierig mit Fragen, wie man es nur selten bei Lesungen sieht. Die furchtbaren Schicksale dieser so menschlichen und so realen Figuren liegen sichtlich vielen im Saal schwer im Magen und sind doch so wichtig zu verdauen.

Beitragsbild: Juliane von Wedemeyer (links) und Janko Lauenberger an der Gitarre. © Marie Nowicki.


Die Veranstaltung: Ede und Unku, Lesung mit Musik, Grassi-Saal in der Stadtbibliothek, 17.3.2018, 21 Uhr

Das Buch: Janko Lauenberger und Juliane von Wedemeyer: Ede und Unku – die wahre Geschichte. Das Schicksal einer Sinti-Familie von der Weimarer Republik bis heute. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2018, 240 Seiten, 20 Euro, E-Book 15,99 Euro


 

 

Die Rezensentin: Marie Nowicki

 


 

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