Die vielstimmige Wahrheit

Am Tag, an dem bekannt wird, dass der Literaturnobelpreis 2018 nicht vergeben wird, berichtet Madina Kurmangali von einem Buch, das diesen Preis 2015 erhalten hat. Swetlana Alexijewitschs Buch »Secondhand-Zeit« und ihr vielstimmiger Bericht über das »Leben auf den Trümmern des Sozialismus« beeindruckt und berührt unsere Rezensentin.

© Hanser Berlin

Im Großen Saal des Literaturhauses herrscht Stille. Das Publikum hört konzentriert zu. Die Übersetzerin Ganna-Maria Braungardt liest aus dem bereits 2012 veröffentlichten Buch »Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus« von Swetlana Alexijewitsch. Sie tränkt die Stille des Saals mit den Stimmen ihrer Figuren. Die Buchhelden schreien, sie offenbaren ihre Seelen, unglückliche und nostalgische, enttäuschte und von der Vergangenheit begeisterte. Seelen, die von der Idee des Sozialismus durchbohrt wurden, die durch diese Idee Mut fassten oder sich darin verloren haben.

Diese Stimmen erzählen die einzelnen Geschichten vieler verschiedener Zeugen, die ein Imperium im 20. Jahrhundert aufgebaut hatten und dann den Untergang dieser Großmacht miterlebten. Das Buch ist eine Sammlung von Interviews, die Alexijewitsch in eine für den Leser neue, aber wahrhaftige, ehrliche und dadurch literarisch reizvolle Form gepackt hat. Es wird nichts erdacht, die Autorin greift nicht zur künstlerischen Erfindung: Sie lässt nur ihre zahlreichen Protagonisten mit ihren jeweiligen Lebenshintergründen berichten.

Der bekannte russische Dichter Michail Lermontow sagte einmal: »Die Geschichte eines Menschen kann viel interessanter sein, als die Geschichte eines ganzen Volkes.« Und was wenn die Geschichte des Einzelnen das Schicksal seines Volkes widerspiegelt? Was, wenn man in mehrere Geschichten sowjetischer Durchschnittsbürger eintaucht, die die vollkommen verschiedenen Facetten der Geschichte dieses Volkes darstellen? Jeder hat seine Wahrheit. Das erkennt man, wenn man »Secondhand-Zeit« in sein Leben lässt. Alexijewitsch gibt zu, dass nach allem, was sie von ihren Interviewpartnern gehört hat, es sehr schwer sei, den Menschen immer noch mit Liebe begegnen zu können. Aber sie sah sich, durch die Lektüre von Dostojewski, für diese Erfahrung gut gewappnet.

© Margarita Kabakowa

Blickt man in das Gesicht der Autorin, erkennt man, dass ihre Zeit es gezeichnet hat, dass diese nachdenklichen Augen immer noch das Bild eines „roten Alltags“ vor sich haben. Man kann nicht anders schauen, nachdem man sich den Geschichten von mehr als 1000 Menschen geöffnet hat. Ich kenne diesen Gesichtsausdruck von meinen Mitmenschen: meiner Oma, meiner Lehrerin, meinem Nachbar. Ich bin eines von den Kindern, dessen Eltern diese andere Zeit geformt hat, die ein Teil dieser anderen Gesellschaft waren. Daher war es für mich persönlich erschütternd, dieses Buch zu lesen. Ich kam auf diese Weise meinen Eltern und Großeltern näher, ich konnte die Lebensbedingungen nachvollziehen, unter denen sie aufgewachsen sind, unter denen sie ihre Jugend verbracht haben. Der direkte und facettenreiche Blick der Augenzeugen macht das Buch lesenswert. Das ist natürlich subjektive, aber sehr lebendige Geschichte, die kein Äquivalent zu den Geschichtsbüchern darstellt. Das Buch ermöglicht den Lesern, die Seele des Landes kennenzulernen und nicht nur die trockenen, nicht selten im Westen und im Osten unterschiedlich interpretierten Tatsachen zu erfahren. Diese Erfahrung ist heute, unter den Bedingungen der angespannten politischen Beziehungen, wieder sehr aktuell.

 

Alexijewitsch verrät auch, dass sie aktuell die Ideen für zwei weitere Texte mit sich herumträgt. Einer soll vom Sterben und dem Verlassen dieser Welt handeln. Mit einem anderen Text möchte sie ergründen, wie ein sowjetischer Mensch mit dem Problem umgeht, dass er früher, laut der Autorin, nie gelernt hat, glücklich zu sein und an schöne Dinge zu denken. Es soll um die Liebe gehen und darum wie schwer es sein kann, glücklich zu sein, wenn das alltägliche Leben eines Menschen überwiegend von schlechten Nachrichten wie Terroranschlägen, Wirtschaftskrisen und Sanktionen gefüllt ist. Allerdings möchte sie noch keine Versprechen abgeben. Die Autorin gibt zu, die Arbeit an einem Buch koste sie sieben bis zehn Jahre und sei mühsamer, als es scheinen könnte.

Beitragsbild: Russische Ausgabe des Buches mit Signatur der Autorin © Madina Kurmangali


Die Veranstaltung: Swetlana Alexijewitsch »Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus«, mit der Dolmetschen Ganna-Maria Braungardt, Moderation: Elisabeth Ruge, Haus des Buches, Großer Saal, 17.4.2018, 19.30 Uhr

Das Buch: Swetlana Alexijewitsch: Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus. Hanser Berlin Verlag, Berlin 2013, 576 Seiten, 27,90 Euro, E-Book 11,99 Euro


 

 

Die Rezensentin: Madina Kurmangali

 

 


 

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