Die verhängnisvolle Stehlampe

Katja Cassing und Jürgen Stalph lesen aus ihrer Übersetzung »Der Schlüssel« von Junichiro Tanizaki und lassen das Publikum spüren, was Sorgfalt bedeutet.

Für wahre Grausamkeiten braucht es keinen riesigen Waffen-Vorrat. Ein Bündnis aus zwei Tagebüchern, einem Schlüssel, einer Stehlampe und einem Paar Perlenohrringen genügt, um infernalische Raffinesse herrschen zu lassen. Ein 54-jähriger Professor wird der Schamhaftigkeit seiner Frau überdrüssig. Die zurückhaltende, pflichtbewusste Ikuko ist ihm treu ergeben, ganz im Sinne ihrer orthodoxen Erziehung. Sie zeigt enorme Befangenheit bezüglich erotischer Angelegenheiten, ist dementgegen jedoch mit einem starken sexuellen Bedürfnis ausgestattet. Es bedeutet für sie große Qualen, sich ihrem Mann nackt zu zeigen. Der Sexualakt fand in all den Jahren Ehe daher stets im Dunkeln statt. Die Gier des Professors, sich den Körper seiner Frau eigen zu machen, bringt ein erbarmungsloses Spiel in Gang, das in Tagebucheinträgen der Eheleute offenbart wird.

Der verstorbene Autor Junichiro Tanizaki konstruiert in seinem 1956 erschienen Roman »Der Schlüssel« komplexe, unterschiedliche Wahrheiten und gönnt dem Leser lediglich geringe Portionen an Hinweisen. Nuanciert bahnt sich dort, wo man es am wenigsten erwartet, ein Donnerwetter an, wird eine Stehlampe zum Folterinstrument.

Fassungslos über solch unerwartete Entwicklungen sind auch die Zuhörer des voll besetzen Metropolis. Heute Abend braucht es keine große Show in der Tabledance Lounge. Es genügt, dass die Japanologen Katja Cassing und Jürgen Stalph dicht vor einem kleinen Lesepult zusammengedrängt abwechselnd aus Tanizakis Roman vorlesen. Aus Unzufriedenheit mit bisher erschienen Übersetzungen des Buches schufen die beiden ihre eigene.

Ebenso subtil wie die Sprache des Werkes funktioniert, zielt auch der Stil des Vorlesens auf Feinheiten ab. Eine bestimmte Betonung, eine wie zufällig fallen gelassene Bemerkung zu verpassen, könnte den Zuhörer um entscheidende Hinweise bringen. Waren die Gesichter Cassings und Stalphs zu Beginn noch ausdruckslos, so gibt es bei Erwähnung der »Stehlampe« in ihrem Minenspiel einen Bruch: Verschwörerisches Lächeln gepaart mit verheißungsvollen Blicken lassen das Publikum recht bald ahnen, dass hier nichts dem Zufall überlassen wird, dass jedes noch so kleine Detail Indiz für ein ganz unfassbares Geheimnis sein kann.

Haben zu Beginn der Lesung noch die zur Tabledance Lounge gehörenden Rekel-Videos für Irritation gesorgt, ist nun alle Aufmerksamkeit auf die Lesenden gerichtet. Das Geräusch der Ventilatoren ist das Einzige, das daran erinnert, das Atmen nicht zu vergessen. Zu unglaublich ist das Konstrukt an Mutmaßungen, Anschuldigungen und Begierden. Stets wird zusammengeführt, was sich ursprünglich konträr gegenüber stand: Nichts ist das, was es scheint. Hinter der harmlosesten Formulierung könnte Grausamkeit versteckt sein. Ein Professor, bedacht auf eine klare, analysierende Sprache, könnte urplötzlich alberne Worte wie »abschlecken« benutzen. Er könnte sogar, seiner Gebrechlichkeit zum Trotz, zum triebgesteuerten Tier werden. Dort, wo ein sicherer Ort war, könnte man exponiert werden. Und zu guter Letzt könnte doch nicht die Stehlampe der verhängnisvolle Gegenstand sein.

Beitragsbild: Katja Cassing (links) und Jürgen Stalph (rechts). © Anna Löwe


Die Veranstaltung: Der Schlüssel, Mitwirkende: Jürgen Stalph, Katja Cassing, Metropolis-Tabledance Lounge, 24.3.2017, 21Uhr

Das Buch: Junichiro Tanizaki: Der Schlüssel. Cass Verlag, Löhne 2017, 208 Seiten, 22,00 Euro


 

 

Die Rezensentin: Anna Löwe

 


 

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