Die schwarze Witwe offenbart ihr Wissen

Dr. Anja Kretschmer liest aus Friedhofsgeflüster, dem Buch zu ihren Friedhofsführungen.

© Victoria Roth

Der Tod hat die Menschen schon immer fasziniert und beschäftigt. Dieses Phänomen zeigt sich wieder einmal, als eine Lesung mit dem Titel »Friedhofsgeflüster« angekündigt ist, denn das kleine Literaturcafé auf der Leipziger Buchmesse ist mehr als gut gefüllt. Die Plätze reichen bei Weitem nicht aus und die Menschen sitzen mittlerweile auf dem Boden oder stehen hinter den Sesseln. Das Publikum ist erstaunlich bunt gemischt, von Teenagern über einige Mitglieder der schwarzen Szene bis zur älteren Generation ist alles vertreten.

Anja Kretschmer wirkt ebenfalls alternativ angehaucht, denn ihr blauer Pullover und die farblich passende Haarsträhne sind die einzigen Farbakzente an ihr. Sie ist Kunsthistorikerin, Trauerrednerin und bezeichnet sich selbst als »Friedhofsflüsterin«. Seit acht Jahren bietet sie Friedhofsführungen an, die in einer Stadt begannen und mittlerweile zu »Wanderführungen« geworden sind. In ganz Deutschland zieht sie, zum Teil als schwarze Witwe verkleidet, in der Dämmerung über die Friedhöfe und lässt für Interessierte die Sitten und Bräuche unserer Ahnen wieder aufleben – von längst vergessenen Ritualen bis hin zu tiefem Aberglauben.

© Garamond Verlag

Obwohl Anja Kretschmer keine Schriftstellerin ist, hat sie beschlossen, das über Jahre angesammelte Wissen, das sie auf ihren Führungen verkündet, in ein Buch zu packen. Sie nennt es liebevoll einen »Wissenschaftsroman«, denn darin verschmelzen historische und wissenschaftliche Fakten mit persönlichen Todeserfahrungen der Autorin, die sie bei der Arbeit in einem Bestattungsinstitut sammelte. Sie schreibt in »Friedhofsgeflüster« über vergangene Bestattungskultur, Todesvorstellungen und Beziehungen zur Endlichkeit, aber auch über alte Berufe, Grabbeigaben, Leichenwachen und Kindersterblichkeit. Trotz allem gelingt es ihr, dem Thema Tod mit Leichtigkeit und Humor zu begegnen.

Durch ihre eigenen Erfahrungen erhält das Buch zudem eine erstaunliche Tiefe, die die Zuhörer berührt. Sie liest über ihren Umgang mit Verstorbenen im Institut: dass sie mit den Toten spricht, ihre nächsten Schritte erklärt, wie ein Arzt dies macht, und ihren Respekt erweist. Trotz dieser Arbeit geht ihr das Thema nahe, denn den Abschnitt über ein verstorbenes Kind wollte sie nicht öffentlich vorlesen, weil es sie persönlich doch sehr berührt.

Die Autorin wirkt sehr sympathisch, spricht große Teile immer wieder frei, um Sachverhalte zu erklären oder von den Führungen zu berichten. Man merkt ihr immenses Wissen über dieses Thema und glaubt sofort, dass ihre Friedhofsführungen ganz besondere Erlebnisse sind.

Beitragsbild: Anja Kretschmer präsentiert ihr Buch im Literaturcafé. © Victoria Roth


Die Veranstaltung: Anja Kretschmer liest aus Friedhofsgeflüster, Leipziger Buchmesse 2019, Literaturcafé, 24.3.2019, 12 Uhr


Das Buch: Anja Kretschmer: Friedhofsgeflüster. Von Totenkronen, Wiedergängern und der Angst vor dem Scheintod. Garamond Verlag, Gera 2019, 152 Seiten, 19,90 Euro


 

 

 

Die Rezensentin: Victoria Roth

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