»Die Menschen waren Tod und Teufel ausgesetzt«

Feridun Zaimoglu spürt in seinem neuen Roman »Evangelio« Luthers Wirken während dessen Zeit in Wittenberg nach.

© Kiepenheuer & Witsch
© Kiepenheuer & Witsch

Feridun Zaimoglu. Untergrundautor, Liebesdichter, bildender Künstler, am Theater unterwegs. Seinen einstigen Ruf eines Enfant terrible der deutschen Literatur scheint Zaimoglu schon länger abgelegt zu haben. Bei seiner Lesung in der Alten Nikolaischule ist selbst der letzte Platz besetzt. Überwiegend Senioren haben hierher gefunden. Ohne große Gesten begrüßt der Autor das Publikum. Er freue sich, dass so viele Leute gekommen seien.

In seinem neuesten Roman »Evangelio« begibt er sich auf die Wartburg in Wittenberg. Wir schreiben das Jahr 1521, Martin Luther wird auf Geheiß des Kurfürsten von Sachsen in der Wartburg versteckt gehalten. Körperlich geschwächt und vom Teufel geplagt übersetzt er in nur zehn Wochen das Neue Testament ins Deutsche. Ihm zur Seite stellt Zaimoglu die fiktive Figur des katholischen Landknechts Burkhard. Dieser soll Luther vor Feinden schützen, muss sich aber vor allem um den gesundheitlichen und geistigen Zustand des Mönchs sorgen. Um »Evangelio« zu erzählen, hat Zaimoglu, ähnlich wie in »Kanak Sprak«, eine Kunstsprache geschaffen, die er seinen Figuren in den Mund legt. So derbe scheinbar, dass es einige Zuhörer nicht aushalten können. »Ich habe dir doch gesagt, dass er etwas speziell schreibt«, tönt es da vom Sitznachbarn zu seiner Partnerin. Wenige Zeit später verlassen einige Leute den Saal, kommen aber nicht zurück. Was ist in der Zwischenzeit passiert? Luther weigert sich den Hasen zu essen, denn: »Mein Arsch grimmt bös, wenn ich mich dreh und wend.«

Aber gerade wegen dieser rohen Sprache nimmt man Zaimoglu ab, wirklich im Wittenberg Anfang des 16. Jahrhunderts zu sein. Und der überwiegende Teil des Publikums scheint den Mut zu honorieren, sich literarisch so ernsthaft mit Luther auseinanderzusetzen. Zaimoglu, der sich seit Langem mit dem christlichen Glauben beschäftigt, schöpft hier aus dem Vollen und webt eine kunstvolle, dunkle Welt, in der die Menschen »Tod und Teufel ausgesetzt sind«. Die Frage ist, ob dieses Ausnahmebuch genauso gut bei einer breiten Leserschaft ankommt wie in der Alten Nikolaischule. Wenn Zaimoglu es liest, dann vielleicht!

Das Interview mit Feridun Zaimoglu zu »Evangelio« finden Sie hier.

Beitragsbild: Der Rezensent Sebastian Adam (links) mit Feridun Zaimoglu (rechts). © Julie-Sophia Schöttner


Die Veranstaltung: Feridun Zaimoglu liest aus Evangelio: Ein Luther-Roman, Alte Nikolaischule, 24.3.2016, 19 Uhr

Das Buch: Feridun Zaimoglu: Evangelio: Ein Luther-Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, 352 Seiten, 22 Euro, E-Book 18,99 Euro


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Der Rezensent: Sebastian Adam


 

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