Die Macht des Zufalls

Marion Brasch liest aus ihrem Buch »Lieber Woanders« in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung

Begrüßt wurde ich an der Eingangstür der Buchhandlung von einem kleinen Notizzettel mit der Aufschrift: »ist voll«. Ich betrat den Raum. Und erntete einige böse Blicke von Menschen, die sich wohl durch meinen Eintritt gestört fühlten – bis zum Beginn der Lesung waren es eigentlich noch 20 Minuten … Aus Lautsprechern hörte ich bereits eine Art Interview. Es war eine riesige Menschenmenge, aber nirgendwo war die Autorin zu sehen. Leute tummelten sich überall, Kisten wurden geholt, um weitere Sitzmöglichkeiten im Raum zu bieten. Trotzdem fand ich keinen Sitzplatz. Eine Treppe ging nach oben, diese war voll mit eng nebeneinandersitzenden Menschen. Schließlich, nach zehn Minuten Stehen, beschloss ich, mich in einer Ecke auf den Boden zu setzen. Die Buchhandlung war rustikal, überall gab es kleine Ansammlungen von Büchern, ich erkannte keine Struktur (ohne welche sich wahrscheinlich sogar die Mitarbeiter*innen hier nicht zurechtfanden). Ich blickte hin und her und ständig kam mir die Frage in den Sinn, wo sich wohl die Autorin gerade befände. Treppe oben? Oder hinten rechts? (Wohin ich vor lauter Menschen keinen Einblick hatte.) Jeder saß und starrte in eine andere Richtung. Ich war leicht verwirrt, doch beschloss ich, mich einfach auf die Stimme, die von nirgendwo und irgendwo herkam, zu konzentrieren:
In Marion Braschs Buch geht es um das Leben zweier Menschen, die dieselbe Last mit sich tragen, nämlich die Schuld für den Tod eines Menschen. Die junge Dame Toni ist seit dem Tod ihres kleinen Bruders komplett auf sich alleine gestellt und Alex verdient sein Lebensunterhalt damit, in einer Band zu spielen. Obwohl die beiden Charaktere sich nicht kennen, kommt es zu Zufällen, die die beiden verbinden. Das Buch ist durch zwei sich abwechselnden Szenerien strukturiert und sorgt so dafür, dass man immer einen kleinen Einblick in das jeweilige Leben der beiden Hauptcharaktere hat.
Nach einem Interview wurde eine Textstelle aus dem Buch vorgelesen. Dabei las die Autorin die Figur Toni, begleitet von einem männlichen Vorleser, der die Rolle des Alex übernahm. Stimmlich gut inszeniert, konnte man sich sehr gut in die Geschichte hineinversetzen. Trotzdem wirkten sie auf mich unorganisiert. Es kam zu einigen Textpatzern und es schien, als hätten sie sich nicht abgesprochen, bis wohin eigentlich gelesen werden sollte. Nach der Lesung erkundete ich die Buchhandlung und hielt Ausschau nach der Autorin, die sich tatsächlich eine Etage höher befand, auf einer aus Büchern hergestellten, nicht unbedingt kuschelig aussehenden Couch.

Beitragsbild: Marion Brasch und Andreas Keller (Schauspiel Leipzig) nach der Lesung. Andreas Keller (links) und die Autorin Marion Brasch (rechts) © Shahnaz Seid-Sadri


Die Veranstaltung: Andreas Keller und Marion Brasch lesen aus Lieber Woanders


Die Moderation: Sophie Priester, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, 23.3.2019, 20.00 Uhr

Das Buch: Marion Brasch: Lieber Woanders. Frankfurt am Main 2019, 160 Seiten, 20,00 Euro, E-Book 16,99 Euro

Die Rezensentin: Shahnaz Seid-Sadri

Marion Brasch und Andreas Keller auf der Büchercouch. © Shahnaz Seid-Sadri

© S. Fischer Verlag.

Literarische Fiktion, Roman

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